Wie unsinnig ist es, wenn wir unsere Gesellschaft in Frage stellen wollen, ohne zugleich die Grenzen der Sprache zu bedenken, mittels deren wir sie in Frage zu stellen vorgeben.
FF1

Willst Du Kenntnis erwerben, musst du an der die Wirklichkeit verändernden Praxis teilnehmen. Willst du den Geschmack einer Birne kennen lernen, musst du sie verändern, dass heisst sie in deinem Mund zerkauen.
FF2

Dieser Text zitiert eine gewisse chinesische Enzyklopädie, in der es heisst, dass die Tiere sich wie folgt gruppieren:
a) Tiere, die dem Kaiser gehören,
b) einbalsamierte Tiere,
c) gezähmte,
d) Milchschweine,
e) Sirenen,
f) Fabelwesen,
g) herrenlose Hunde,
h) in diese Gruppe gehörige,
i) die sich wie Tolle gebärden,
k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind,
l) und so weiter,
m) die den Wasserkrug zerbrochen haben,
n) die von weitem wie Fliegen aussehen.
FF3

Mein Herr
Ich will Poet werden, und ich arbeite daran, mich sehend zu machen. Das wird ihnen völlig unverständlich sein, und ich bin beinahe ausser Stande, es ihnen zu erklären. Es geht darum, durch die Entregelung der Sinne das Unbekannte zu erreichen. Die Leiden sind ungeheuerlich, aber man muss leiden, wenn man als Dichter geboren ist. Es ist falsch zu sagen: Ich denke. Man sollte sagen: Es denkt mich. Verzeihen Sie das Wortspiel. Ich ist ein Anderer.
Von Herzen einen guten Tag.
FF4


Wenn man über das "Unvorstellbare" schreibt, darf das Schreiben vor allem kein herrschaftliches, didaktisches und spekulatives sein. Man muss versuchen, beim Schreiben Raum für das Schweigen derer zu lassen, die nicht Sprechen konnten: Das ist ein Schreiben "ohne Macht". Es muss das Unermessliche, das Unreduzierbare des Menschen aufscheinen lassen, jenseits aller Kräfte und Gewalten, die versucht haben, ihn zu reduzieren beziehungsweise sogar auszulöschen. Es gibt also eine unauflösliche Verbindung zwischen der höchsten ethischen Forderung, sich dafür zu entscheiden, Wort zu halten, indem man den anderen reden lässt, anstatt ihn zu töten, und der höchsten Forderung an das Schreiben, das Schreiben ohne Macht.
FF5

Es war einmal ein Rotschopf, der hatte weder Augen noch Ohren. Er hatte auch keine Haare, so dass man ihn an sich grundlos Rotschopf nannte. Er konnte nicht sprechen, denn er hatte keinen Mund. Eine Nase hatte er auch nicht.
Er hatte sogar weder Arme noch Beine. Er hatte keinen Bauch, er hatte keinen Rücken, er hatte kein Rückgrat, er hatte auch keinerlei Eingeweide. Nichts hatte er! So dass unklar ist, um wen es hier eigentlich geht.
Reden wir lieber nicht weiter über ihn.
FF6

Eines Tages schleifte ein zorniger Mann seinen Vater durch seinen eigenen Obstgarten. "Halt!" rief der stöhnende alte Mann schliesslich, "Halt! Ich habe meinen Vater nur bis zu diesem Baum geschleift."
FF7

Ich blicke der Frau, die ich in den Armen halte, nicht mehr in die Augen, sondern schwimme durch sie hindurch mit Kopf, Armen und Beinen und sehe, dass hinter den Augenhöhlen eine unerforschte Region, die Welt des Zukünftigen liegt, und hier herrscht keinerlei Logik... Ich habe die... Wand eingerissen... Meine Augen sind nutzlos, denn sie geben nur das Bild des Bekannten wieder. Mein ganzer Körper muss ein bleibender Lichtstrahl werden, der sich mit immer grösserer Schnelligkeit bewegt, nie stillsteht, nie zurückblickt, nie schwindet... Deshalb schliesse ich meine Ohren, meine Augen, meinen Mund.
FF8

Die Gestaltpsychologie hat uns gelehrt, dass zu jedem Wahrnehmen nicht nur ein Nicht-Wahrnehmen gehört, sondern dass solcher Ausschluss, solche Selektivität für das Wahrnehmenkönnen konstitutiv (bestimmend, grundlegend, wesentlich) ist... Wir sehen nicht, weil wir nicht blind sind, sondern wir sehen, weil wir für das meiste blind sind; entsprechend heisst, etwas sichtbar machen, im gleichen Akt etwas anderes unsichtbar machen. Keine aisthesis ohne anaisthesis - nicht einmal im einfachsten Wahrnehmen.
Was so innerhalb eines Sinnes gilt, trifft auch auf das Verhältnis zwischen den Sinnen zu. Das Wahrnehmungsfeld des Sehens beispielsweise ist ganz anders strukturiert als das des Hörens. Während das visuelle Feld eines des Überblicks, der Überschau, der Beherrschung ist und eine prinzipiell homogene, isotope und von einem Punkt aus beherrschbare Struktur aufweist, ist das Feld des Hörens zumindest bipolar verfasst und überdies vektoriell und ereignishaft strukturiert...
Wegen dieser Unterschiedlichkeit der Sinnfelder bedeutet die Bevorzugung eines Sinnestyps vor den anderen eine nicht bloss ästhetische, sondern zugleich anästhetische Entscheidung: Sie drängt die andere Struktur ins Abseits, in die Latenz, oft gar ins Vergessen.
Die abendländische Bevorzugung des Sehens ist ein klassischer Fall und besonders einschneidend wegen ihrer Fortsetzung im Ideal der Theorie, die ja eben jenes "Betrachten" ist, das ganz und gar auf Distanz und Ueberschau setzt - im Unterschied etwa zum Betroffensein und Involviertsein des Hörens. Infolge dieses Distanz- und Ueberlegenheitspathos kann sich die Theorie dann ja auch fatal immun verhalten gegen das, was sie der Realität antut. Und das ist nicht wenig. Foucault hat in "Surveiller et punir"(1975) gezeigt, wie nötig eine Kritik am abendländischen Visualprimat und Panoptismus wäre. Denn wo das optische Weltverständnis regiert, da gerät die Welt zu einer gigantischen Überwachungsanstalt vor dem grossen Auge des Geistes, und diese Gesetzlichkeit reicht von der Strafanstalt bis zu den Weltszenarien der Wissenschaft.

Was ich bislang bezüglich des einfachen Wahrnehmens dargestellt habe, gilt ebenso für höherstufige, inhaltlich aufgeladene Wahrnehmungsformen. Gerade den Grundbildern, die unseren Wirklichkeitszugang leiten - unsere archetypischen Schemata (die ich freilich als durchaus kulturelle und soziale Prägungen verstehe möchte) - ist in drastischer Weise eine immanente Anästhetik gesellt. Und bei diesen Grundbildern wird das Verhältnis von Ästhetik und Anästhetik vollends schmerzlich relevant. Denn wer diese Bilder, die unsere individuelle und gesellschaftliche Wirklichkeit durchherrschen, nicht irgendwann in ihrer Spezifität und Massivität vor Augen bekommen hat, der wird, in ihrem undurchschauten Glanz sich sonnend, ein Leben lang nach ihrer Pfeife tanzen müssen.
Ich denke etwa daran, wie Bilder von Mann und Frau, von Geschlechtlichkeit und idealem Zusammenleben, die uns in der familiären und sozialen Kindheit eingesenkt wurden, unser Wahrnehmen und Verhalten fortan imprägnieren und bestimmen. Stets handeln wir im Duktus solcher Grundbilder. Gerade als unbewusste sind sie wirksam. Eben indem diese Bilder - die doch ihrer Konstitution nach ästhetisch sind - die Tarnkappe des Anästhetischen überzogen, in anästhetischer Latenz sich begeben haben, wurden sie «verbindlich», d.h. zwingend.
Solche Bilder sind Fallen. Sie haben zugeschnappt, als man an sie sich hielt. Nachher wird man mit Wittgenstein sagen:
« Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen» - Aber wie gelangt man ins Nachher, wie kommt man aus diesen Bildern heraus?
Am ehesten wohl über Bilderfahrung und Bildarbeit, die sich daran macht, diese vorgängige Prägung zu exponieren und ihre Anästhetik zu durchbrechen. Man darf sich dieses Hervorholen der Grundbilder freilich nicht zu leicht vorstellen. Denn die Bilder sind untereinander verflochten und stützen sich wechselseitig. Man muss mit einem Dickicht dieser Grundbilder und mit lateralen Kraftbeiständen rechnen, sobald das Potential eines dieser Grundbilder bedroht ist. Eine schlagartige Veränderung im Ganzen wird einem in den seltensten Fällen geschenkt, die verbleibende Alternative aber, die sukzessive Durcharbeitung, bleibt schwierig und langwierig. Auch die ästhetische Psychoanalyse hat kein Ende.
FF9


Das Mannigfaltige muss gemacht werden, aber nicht dadurch, dass man immer wieder eine höhere Dimension hinzufügt, sondern vielmehr schlicht und einfach in allen Dimensionen, über die man verfügt....Ein Rhizom kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von der verästelten Ausbreitung in allen Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Zwiebeln und Knollen...
Jeder Punkt eines Rhizoms kann (und muss) mit jedem andern verbunden werden...Ein Rhizom verbindet unaufhörlich semiotische Kettenglieder, Machtorganisationen, Ereignisse aus Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen.Es gibt in einem Rhizom keine Punkte oder Positionen. Es gibt nur Linien...Ein Rhizom kann an jeder Stelle unterbrochen oder zerrissen werden...
Es ist vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften des Rhizoms, immer vielfältige Zugangsmöglichkeiten zu bieten...Rhizomorph sein bedeutet, Stränge und Fasern zu produzieren... Wir sind des Baumes überdrüssig geworden...Bildet Rhizome und keine Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nichts aus, sondern nehmt Ableger!
FF10

Ein Bild will nichts aussagen. Wenn das sein Vorhaben wäre, wäre es tatsächlich dem Wort unterlegen, und müsste von der Sprache aufgehoben werden, um eine Bedeutung, eine klare mittelbare Bedeutung zu erlangen. Zwischen der figurativen Ordnung und der Sprache gibt es einen Spielraum, der durch nichts auszufüllen ist...Die sogenannte «Darstellende Kunst» kann nicht mehr als einfache Wiederholung eines vorher existierenden Modells verstanden werden, sondern nur als ein ursprüngliches Double, das jede Sicherheit erschüttert: die der Identität des «Gegenstandes», sowie jene des Subjekts, indem es jedes«Wirkliche» durch seine aussergewöhnliche und faszinierende Präsenz verdoppelt.
FF11

Ja, Poesie beruht auf einer ausgesprochenen nichtlinearen Anwendung von Sprache (...). Ich kann mir gut vorstellen, dass die wissenschaftliche Kultur sich in Zukunft sehr viel mehr von so etwas wie Poesie leiten lassen wird.
FF12

Dichten ist ein viel mächtigeres Werkzeug der Erkenntnis als etwa die Philosophie. Weil sie immer der dynamische Prozess von Setzung und Abweichung, von Bewusstsein und Intuition ist... Eine erste Zeile wird gesetzt in einem Reimgedicht; die Notwendigkeit des Reimes reisst Himmel und Erde auf, ein undefiniertes Wissen und Gewissen tritt in Funktion, und es resultiert ein Text, den der Dichter gar nicht hat schreiben wollen .
FF13

Sie müsste zunächst s a g e n , sie müsste beginnen zu sagen und sich nicht sagen zu lassen, dass sie nichts zu sagen habe! Sich nicht in der Schule einreden lassen, dass die Frauen gemacht sind, um zuzuhören, um zu glauben und um nichts zu erfinden. Sie müsste es wagen zu sagen, was sie zu sagen hat über die Gabe, über eine gewisse Möglichkeit zu geben, die keine Gabe wäre, die nimmt, sondern eine Gabe , die gibt. Von ihrem Genuss sagen, und Gott weiss, dass sie davon zu sagen hat, und zwar so, dass es ihr gelingt, sowohl die weibliche als auch die männliche Sexualität freizusetzen, und den Körper zu "dephallozentrieren", den Mann von seinem Phallus zu befreien, ihn zu einer erogenen Flächigkeit zu bringen und zu einer Libido, die nicht stupide um das Denkmal herum angeordnet wäre, sondern die erscheinen würde als eine bewegte, als eine verteilte, also genau so fähig zu all diesem Anderen in sich. Das ist sehr schwierig: Am Anfang muss man die Zensursysteme loswerden... Man muss damit aufräumen und gleichzeitig erklären, was jede Wissenschaft an Macht mit sich bringt: aufzeigen, an welchem Punkt in der Kultur Wissen immer Komplize der Macht ist; dass dort, wo das Wissen ist, immer auch ein Gewinn an Macht gemacht werden kann: zeigen, dass alles Denken bis heute immer organisiert gewesen war durch diesen Vorteil, durch diesen Mehrwert an Macht, der demjenigen zukommt, der weiss.
FF14

Nach manchen missglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammen zu schweissen, sah ich ein, dass mir dies nie gelingen würde. Dass das Beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; dass meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in eine Richtung weiter zu zwingen. - Und dies hing freilich mit der Natur der Untersuchungen selbst zusammen. Sie nämlich zwingt uns, ein weites Gedankengebiet, kreuz und quer, nach allen Richtungen hin zu durchreisen. Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf diesen langen und verwickelten Fahrten entstanden sind. Die gleichen Punkte, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem von verschiedenen Richtungen berührt und immer neue Bilder entworfen. Eine Unzahl dieser waren verzeichnet, oder uncharakteristisch, mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, blieb eine Anzahl halbwegser übrig, die nun so angeordnet, oftmals beschnitten, werden mussten, dass sie dem Betrachter ein Bild der Landschaft geben konnten. So ist also dieses Buch eigentlich nur ein Album.
FF15

Die Menschen werden in Zellen sitzen jeder für sich, dabei mit Fingerspitzen an Tastaturen spielen, auf winzige Bild- schirme starren und Bilder empfangen, verändern und senden. Hinter ihrem Rücken werden Roboter Dinge heran- schaffen, um ihre verkümmerten Körper zu erhalten und zu vermehren. Durch ihre Fingerspitzen hindurch werden die Menschen miteinander verbunden sein und so ein dialogisches Netz, ein kosmisches Uebergehirn bilden, dessen Funktion es sein wird, durch Kalkulation und Komputation unwahrscheinliche Situationen ins Bild zu setzen, Informationen, Katastrophen herbeizuführen. Zwischen den Menschen werden künstliche Intelligenzen eingeschaltet sein, die durch Kabel und ähnliche Nervenstränge hindurch mit den Menschen dialogisieren. Es wird daher funktionell sinnlos sein, zwischen «natürlichen»und «künstlichen» Intelligenzen (zwischen «Primatengehirnen» und «Sekundantengehirnen») unter- scheiden zu wollen. Das Ganze wird funktionell ein kybernetisch gelenktes, in seine Elemente unzerlegbares System sein: Eine schwarze Kiste. Die Stimmung, die dort herrschen wird an jene gemahnen, die wir in unseren schöpferischen Augenblicken erleben. Die Stimmung des Aus-sich-Herausgehens, des Abenteuers, des Orgasmus. Das telematische Uebergehirn wird eine immer weiter um sich greifende, sich erneuernde und verdichtende Aura von technischen Bildern ausstrahlen und ein universales Schauspiel abgeben. Die Situation ist aber ernüchternd. Solange nämlich an den Gehirnen und Fingerspitzen der künftigen, telematischen Menschen Säugetierleiber hängen, werden diese leiden und sterben.
FF 16

1
Der Körper muss aus seinem biologischen, kulturellen und planetarischen Behälter ausbrechen, da die überflutenden Informationen, der unvorstellbare Informationsschub vom Körper nicht mehr aufgenommen und kreativ verarbeitet werden kann. Information wird zur Prothese, die den veralteten Körper abstürzt. Der Cortext sucht seine letzte Zuflucht in der Spezialisierung, aber die Anhäufung von Informationen hat jeden Zweck eingebüsst. Gedächtnis führt zu Nachäffung, Nachdenken reicht nicht mehr aus. Könnte es nicht gerade der Höhepunkt der menschlichen Erkenntnis sein, den Körper als veraltet zu erkennen und zu einer Mensch-Maschine-Schnittstelle zu erweitern?
2
Von Bedeutung ist die Freiheit der Form. Die Freiheit den Körper zu modifizieren und zu verändern, sein eigenes DNA-Schicksal bestimmen zu können. Zusammengestückelte Menschen mit zahllosen Körperschrittmachern, synchron reguliert von pulsierenden Bildern.
3
Ein hohler Körper wäre ein besserer Wirt für technologische Komponenten. Die Strategie sollte es sein ihn auszuhöhlen, zu verhärten und zu entwässern; also Körper radikal neu zu gestalten, möglichst ohne Organe , damit er besser mit miniaturisierten Robotern bevölkert werden kann. Interne Ueberwachungssysteme: Kristallgrosse Roboter sind denkbar, die im Körper für Ordnung schauen.
4
Technisch wird es keine Geburt mehr geben und es gibt auch keinen Grund mehr für den Tod (die Verfügbarkeit von Ersatzteilen vorausgesetzt). Der Tod ist eine veraltete evolutionäre Strategie. Technologie befriedigt den Körper und die Welt; der Körper wird wohl seine Mobilität aufgeben, da er an ein maschinelles Netzwerk angeschlossen wird, und mehr und mehr anästhetisiert.
5
Der elektronische Raum wird eher zu einem Medium der Handlung als zu einem der Information: Er verbindet den Körper mit seinen Maschinen zu einer immer grösser werdenden Komplexität und Interaktivität.
Teleoperationssysteme mit Teleautomaten.
6
Bilder sind keine Illusionen mehr wenn sie interaktiv werden; sie werden zu handelnden Agenten. Phantomkörper sind hohl. Es sind virtuelle Ersatzkörper. Phantome projizieren den Körper und statten ihn mit Macht aus. Der Körper bringt die beste Leistung, wenn er als Bild handelt. Körper sind vergänglich. Bilder sind unsterblich.
FF17

Wir sind Knoten in einem Netz, in welchem Fäden zusammenkommen und auseinanderfliessen. Die Stellung eines jeden Knoten verschiebt sich ständig, je nach Intensität. Das ganze Netz schwingt, wogt, verdichtet sich an einigen Stellen und wird an anderen wieder dünner. Jedes «Ich» ist ein einzigartiger Knotenpunkt und ist von allen übrigen Knotenpunkten im Netz durch seine Stellung, und die in ihm gelagerten Informationen unterschieden. Das was einst «Ich», die«Identität», das «Selbst» genannt wurde, entpuppt sich als Knoten von Relationen. Ich bin, was immer ich in Bezug auf andere bin. Wir sind die Summe der Verhältnisse, die uns mit anderen verbindet, und wenn wir Schritt für Schritt diese Beziehungen abstrahieren, dann bleibt, wie bei der berüchtigten Zwiebel, nichts mehr übrig.
FF18

Die Suche nach der Materia prima ist die erste Aufgabe des Schülers. ihr herkömmlicher Name "Stein der Weisen" beschreibt diese Substanz hinlänglich. es handelt sich tatsächlich um einen echten Stein. Dieser Alchemistenstein, der "Gegenstand" der Kunst, darf nicht mit dem Stein der Weisen verwechselt werden. Der Gegenstand wird erst dann zum Stein der Weisen, wenn er, umgestaltet und vervollkommnet durch die Kunst, seine höchste Vollendung und verwandelnde Kraft erlangt hat. In alchemistischen Texten wird alles, was sich auf den Beginn des "Werkes" bezieht, fast immer weggelassen oder bewusst irreführend beschrieben.
FF19

So wenig als möglich s i t z e n; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung - in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorteile kommen aus den Eingeweiden.
FF20

Neurophysiologisch betrachtet ist Sehen das Komplizierteste, was in unserer Kognition abläuft. Visuelle Wahrnehmung ist eine Anstrengung unseres neuronalen Apparates, die weit über jene Anstrengung hinausgeht, die uns das sogenannte Denken abverlangt. Sehen ist kein Abbilden der Realität, sondern eine Konstruktion visueller Modelle von (genauer: für ) Wirklichkeit.
Diese Konstruktion ist nur möglich, wenn unser Körper sich im Raum bewegen und Erfahrungen machen kann; wenn wir mit anderen interagieren. Visuelle Wahrnehmung ist durch lange stammesgeschichtliche Entwicklung bei allen Menschen weitgehend vergleichbar. Aber das spricht nicht dagegen, dass es sich um eine Konstruktion und nicht um Realitätsabbildung handelt. Unsere visuellen Wirklichkeitsmodelle sind soziale Konstruktionen, die sich im Kopf jedes einzelnen vollziehen.
FF21

Das Experiment kann misslingen. Das belegt nicht nur der australische Performanc-Künstler Stelarc, mit seiner Vision des ausgehöhlten, entwässerten Körpers. Gilles Deleuse und Felix Guattari beschreiben sehr präzis das Missverständnis, wenn anstelle eines gewünschten "organlosen Körpers" (oK) ein ausgehöhlter Körper entsteht. Die Schwierigkeit mit den Organen, mit dem Organismus. Das schwierige Modell des oK verdient eine nähere Betrachtung, weil mit ihm das Geheimnis der Poesie beleuchtet und eine Lebens- und Arbeitsstrategie in Praxis beschrieben wird. Der oK ist keineswegs das Gegenteil der Organe. Die Organe sind nicht seine Feinde. Der Feind ist der Organismus, die Organisation der Organe: Für Antonin Artaud, auf den sich Deleuse und Guatttari explizit berufen, ist das das "Gottesgericht", das theologische System, von dem die Ärzte profitieren und ihre Macht beziehen. Für Paul Virilio wäre es vielleicht die "Dressur des Blicks". Kurz: Der Organismus ist keineswegs der Körper, der o.K., sondern eine Schicht auf dem oK, das heisst ein Phänomen der Akkumulation, der Gerinnung und der Sedimentierung, die ihm Formen, Funktionen, Verbindungen, Organisationen aufzwingt. Schichten sind Bindungen, Zangen. "Binden sie mich, wenn sie wollen." Der oK ist die eisige Realität in der sich diese Ablagerungen, Sedimentierungen, Gerinnungen, Faltungen und Umklappungen ausprägen, die einen Organismus bilden -und ein Subjekt und eine Signifikation. Der oK heult: "Man hat mir einen Organismus gemacht! Man hat mich zu unrecht gefaltet! Man hat mir meinen Körper gestohlen!" Er schwankt ständig zwischen den zwei Polen, zwischen den Oberflächen der Faltungen, um die er herumgeklappt wird, und der Konsistenzebene, die eisige Realität., auf der er sich entfaltet und dem Experimentieren öffnet. Und wenn der oK eine Grenze ist, wenn man ihn immer angestrebt hat, so liegt das daran, dass es hinter jeder Schicht eine andere gibt und jede in eine andere eingefügt ist. Denn man braucht viele Schichten und nicht nur Schichten des Organismus, um das Gottesgericht abzuhalten. Dieser Prozess kann in ganz verschiednen Gesellschaftsformationen geschehen, und durch ganz unterschiedliche Gefüge, durch perverse, künstlerische, wissenschaftliche, mystische, oder politische Gefüge, die nicht denselben Typus von organlosem Körper haben. Mit der notwendigen Klugheit, der Kunst der Dosierung muss vorgegangen werden: Man geht nicht mit Hammerschlägen vor, sondern mit einer ganz feinen Feile. Man erfindet Selbstzerstörungen, die man nicht mit dem Todestrieb verwechseln darf. Den Organismus aufzulösen hat nie bedeutet, sich umzubringen, sondern den Körper für Konnexionen zu öffen. Man sollte folgendes tun: Sich auf einer Schicht einrichten, mit den Möglichkeiten experimentieren, die sie uns bietet. dort nach einem günstigen Ort suchen, nach Bewegungen der Entgrenzung, nach möglichen Fluchtlinien, sie erproben, hier und da Zusammenflüsse von Strömen sichern und immer ein kleines Stück Neuland haben. Nur durch ein gewissenhaftes Verhältnis zu den Schichten gelingt das. Wie befinden uns in einer Gesellschaftsformation; wir müssen zunächst schauen, wie sie für uns, in uns und da, wo wir uns befinden, gelagert ist; wir müssen die Schichten bis zum grundlegenden Gefüge zurückverfolgen, von dem wir umschlossen sind; das Gefüge ganz vorsichtig ins Wanken bringen, um es auf die Seite der Konsistenzebene übergehen zu lassen. Nur dort erweist sich der oK als das, was er ist, nämlich als Konnexion von Begehren, Konnexion von Strömen und als Intensitätskontinuum. Man hat sich seine eigene kleine Maschine gebastelt und ist bereit, sich je nach Umständen an andere kollektive Maschinen anzuschliessen. Man muss also genügend Organismus bewahren, damit er sich bei jeder Morgendämmerung neugestalten kann. Ahmt die Schichten nach. Man erreicht den oK und seine Konsistenzebene nicht, wenn man wild drauflos stratifiziert. Deshalb begegneten wir anfangs dem Paradox dieser finsteren, ausgehöhlten Körper.
FF22

Der schwammige Begriff "Geist" bezeichnet einen Komplexitätsgrad eines Organismus. Die Organismen sind Akkumulatoren verdrängter Drücke. Der Organismus ist ein geschichtetes Gedächtnis, das aus überlagerten Verdrängungen aufgebaut ist, etwa wie geologische Formationen. Die den Organismus oberflächlich umhüllenden Schichten akkumulieren die äusseren und inneren Einflüsse, die der Organismus im Laufe seines Lebens verdrängt hat und bilden einen Panzer. Beim Menschen sind diese Einflüsse grösstenteils kulturell. Sie werden in der Muskulatur aufgehoben. Es geht um einen Muskelkrampf, um die individuelle Haltung, darum, was die "Persönlichkeit" genannt wird.
Je starrer der Krampf, desto stärker die Persönlichkeit.
FF23

Somit verspürt jeder Körper alles, was in der Welt geschieht, so dass jemand, der alles sieht, in einem jeden einzelnen lesen könnte, was überall geschieht und sogar, was geschehen ist oder geschehen wird, indem er in dem Gegenwärtigen das nach Zeit und Ort Entfernte bemerkt...Aber eine Seele kann in sich selbst nur das deutlich Vorgestellte lesen; sie kann nicht auf einen Schlag auseinanderlegen, was in ihr zusammengefaltet ist; denn diese Fältelung geht ins Unendliche.
FF24

Mobilität und Motilität des Körpers erst führen der Wahnehmung jenen Reichtum zu, der für die Ichbildung unabdindbar ist. Diese Dynamik der Fortbewegung zu verlangsamen oder gar ganz zu beseitigen, Verhalten und Bewegungen aufs Äusserste zu fixieren, führt zu schwersten Störungen der Person und zu Schädigungen ihrer Realitätstüchtigkeit. Der Verlust kinetischer und taktiler Eindrücke, von Geruchseindrücken, wie sie die direkte Fortbewegung noch liefert, lässt sich nicht durch das Vorbeiziehen der Bilder an der Windschutzscheibe des Autos, auf der Kinoleinwand oder gar dem kleinen Fernsehbildschirm ersetzen. Dieser illusorische Ersatz ist gleichwohl zu einer "Spitzenindustrie" der Elektronik geworden.

Letzten Endes ist es natürlich der Begriff des Mediums, der verschwindet, verschwinden muss: Die ausgetauschte Rede, der reziproke und symbolische Austausch negiert die Vorstellung und Funktion des Mediums, des Intermediären. Der Austausch kann ein technisches Dispositiv einschliessen (Ton, Bild, Wellen, Energie usw.), wie auch ein körperliches Dispositiv (Gesten, Sprache, Sexualität), aber in diesem Fall spielt es nicht mehr die Rolle eines Mediums, im Sinne eines autonomen, von einem Code beherrschten Systems.
Reziprozität wird erst möglich durch die Destruktion des Mediums als solches.
" Der Brand eines Mietshauses gibt den Menschen Gelegenheit, ihre Nachbarn kennenzulernen."
FF25

Das Modell ist eine aus fünf Stufen bestehende Leiter. Die Menschheit ist diese Leiter Schritt für Schritt aus dem Konkreten hinaus in immer höhere Abstraktionen emporgeklommen: ein Modell der Kulturgeschichte und der Entfremdung des Menschen vom Konkreten.
Erste Stufe: Das Tier und der "Naturmensch" sind in eine Lebenswelt gebadet, in eine vierdimensionale Raumzeit, welche das Tier und den "Naturmenschen" angeht. Es ist die Stufe des konkreten Erlebens.
Zweite Stufe: Die uns vorangegangenen Menschenarten (etwa zwischen
2 000 000 und 40 000 Jahren) standen als Subjekte einem objektiven Umstand entgegen, einem dreidimensionalen, aus behandelbaren Objekten bestehenden Umstand. Es ist die Stufe des Fassens und Behandelns. Auf ihr stehen Gegenstände ( zum Beispiel Steinmesser und geschnitzte Figuren).
Dritte Stufe: Homo sapiens sapiens hat zwischen sich und den objektiven Umstand eine imaginäre, zweidimensionale Vermittlungszone geschoben, und er erfasst und behandelt den Umstand dank dieser Vermittlung. Es ist die Stufe der Anschauung und des Imaginierens. Auf ihr stehen die traditionellen Bilder ( zum Beispiel der Höhlenmalerei).
Vierte Stufe: Vor etwa 4 000 Jahren wurde zwischen den Menschen und seine Bilder eine weitere Vermittlungszone, die der linearen Texte, eingeschoben, der der Mensch von nun an den Grossteil seiner Anschauungen verdankt. Es ist die Stufe des Begreifens, des Erzählens, die historische Stufe. Auf ihr stehen die linearen Texte ( zum Beispiel Homer und die Bibel).
Fünfte Stufe: Die Texte haben sich jüngst als unzugänglich erwiesen. Sie erlauben keine weiteren Bildvermittlungen mehr, sie sind unanschaulich geworden. Und sie zerfallen zu Punktelemente, welche gerafft werden müssen. Es ist die Stufe des Kalkulierens und des Komputierens. Auf ihr stehen die technischen Bilder.
FF26

Für Plinius steht die Zeichnung am Ursprung aller bildenden Künste.
Er erzählt die Geschichte von der Tochter eines Töpfers, die in einen jungen Mann verliebt ist, der eines Tages zu einer langen Reise aufbrechen muss. Während der Abschiedsszene... befinden sich die beiden Liebenden in einer Kammer, die durch ein Feuer (oder eine Lampe) beleuchtet wird. Das Licht wirft somit den Schatten der beiden an die Wand. Um die bevorstehende Abwesenheit ihres Geliebten zu bannen und eine physische Spur seiner gegenwärtigen Anwesenheit zu bewahren, also in diesem von Angst und Begehren bis zum Zerreissen gespannten Moment, kommt das Mädchen auf den Gedanken, die Silhouette des Geliebten, die sich auf der Wand abzeichnet, mit Kohle nachzuzeichnen. Sie will in diesem letzten, lichtdurchzuckten Moment die Zeit töten und den Schatten desjenigen festhalten, der noch da ist, aber bald fort sein wird.

Die Geschichte ist damit nicht zu Ende:
Der Töpfer - so fährt Plinius fort - trug dann Lehm auf diese Zeichnung auf und fertigte durch eine Art Schattenabguss ein Relief an. Daraufhin brannte er es im Ofen mit anderen Töpferwaren und erzielte somit das erste Basrelief aus Ton.

Dieser Ursprungsmythos wird in den letzten Jahren von Kunst- und Filmhistorikern gerne zitiert, um jene mediale, anthropologische, körperbezogene Dimension der Kunst wieder ins rechte Licht zu rücken. Wichtig scheint, dass es sich um eine Zeichnung handelt, welche die Kammer in ein Atelier verwandelt, und damit um die unmittelbare Umsetzung eines Gefühls und eines Gedankens. Die Liebe ist es, die sich hier direkt ihr Medium sucht. Die Liebe ist der Motor, die Zeichnung ihr Medium.
FF27

Das abstrakte Empfinden vermittelt eine gewisse Distanz zu den zweckmässigen kollektiven Sehgewohnheiten. Darin liegt vermutlich seine Bedeutung für die schöpferische Persönlichkeitsentwicklung und damit für die kulturelle Erneuerung. Wer die gewohnten Dinge neu sehen kann, erhält damit eine gewisse individuelle Freiheit.

Das haben schon die Griechen bemerkt. Nur so lässt es sich erklären, dass nach der "Naturkunde" von Plinius (1. Jh. n.Chr) im 35. Buch, (Heimeran-Ausgabe, München 1978, Seite 63) in ganz Griechenland freigeborene Knaben "im Zeichnen, das heisst in der Malerei auf Buchsbaumholz, unterrichtet wurden, (...), wobei immerfort verboten war, Sklaven darin Unterricht zu erteilen."
FF27/2


... ein reines ausgeschnittenes Segment mit klar definierten Ecken irreversibel und unzerstörbar; alles , was es umgibt,, wird ins Nichts gestossen, bleibt unbenannt, während alles, was in seinen Bereich eintreten darf, Dasein, Licht und Aufmerksamkeit erhält.
FF28

Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenähnlichen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so dass sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber umzudrehen der Fessel wegen nicht vermögen....
FF29

Nachdem der junge Kampfflieger 1998 in seine F16C eingestiegen ist, setzt er einfach seinen Helm auf und klappt das Sichtgerät herunter, um sein Super Cockpit System zu aktivieren. Die virtuelle Welt, die er sah, ahmt auf exakte Weise die äussere Welt nach. Verschwommene Umrisse des Bodens wurden scharf nachgezogen und in drei Dimensionen von zwei winzigen Kathodenstrahlröhren dargestellt, die auf seine individuelle Sichtferne fokussiert weden... Seine Kompassrichtung wurde durch ein breites Zahlenband auf der Horizontlinie dargestellt, seine projizierte Flugbahn war eine leuchtende Bahn, die in die Unendlichkeit geht.
FF30


Hilde Zaloscer geht in ihrer Arbeit (31)von der Grundthese aus, dass jede Kunstform sich einem Gesamtentwurf unterordnet, dieser aber letztlich theologisch-philosophischer Herkunft sei. Jede Änderung der Form z.B. der auffällige Wechsel von der Dreidimensionalität in die Zweidimensionalität, in der Zeitspanne vom zweiten bis zum fünften Jh., sei durch eine Änderung des Weltbewusstseins bedingt. Wird die Dreidimensionalität und Naturtreue der Plastik , der früheren Idole und Totenmasken, als Bestreben nach Identität von Urbild und Abbild, resp. von Vorbild und Nachbild interpretiert, im Bestreben das physische Weiterleben der irdischen Erscheinung zu garantieren (d.h. die Plastik fungiert als Stellvertreter des Toten für das Weiterleben), so drückten die neuaufkommenden Formwerte - die Wahl des Mediums der Malerei selbst, die bewusste Wahl der Zweidimensionalität und das Formprinzip der Frontalität in der Gesichtsdarstellung - eine neuaufkommende Geisteshaltung aus. Interessant scheint mir die Beschreibung der Bedingungen, ihre Komplexität und Verwobenheit, die zu diesen neuen Formwerten geführt habe. Hilde Zaloscer beginnt mit den Bemerkungen der ökonomischen und sozialen Destabilisierungen , die der Umbruch vom absinkenden Hellenismus zum aufkommenden (und aus ihm hervorgehenden) Christentum bewirkt habe. Die wirtschaftliche Krise, die Barbarengefahr, vielleicht auch der östliche Einfluss riefen eine allgemeine Weltfluchtstimmung hervor, eine Suche nach Bleibendem, Grösserem. Wie von Plato vorgeahnt, habe sich eine neue Form des Gottesglaubens (die Vorstellung einer transzendenten Gottheit) angebahnt, mit ihr die Vorstellung von der Trennung von Körper, der stofflich und elend sei, und der Seele, die allein göttlich sei . Plato bezeichnete den Körper als quälendes Gefängnis der Seele; aber auch ihr Diener. Die Reinigung des Körpers, seine Kontrolle. war Mittel zur Läuterung der Seele. Dieser Gedanke wurde vom Christentum weitergeführt. Diese Abkehr von der dieseitigen stofflichen Welt habe ein Rückgang (des Interesses) der Naturwissenschaften bewirkt, ein Absinken des logisch-diskursiven Erkennenwollens. Eine Geringschätzung des Dieseitigen habe eine intuitiv-mystische Durchdringung der Welt gefördert. Auch für Plotin sei die Materie die Quelle allen Uebels und Elends. Kurz: Eine körperfeindliche Haltung habe sich breitgemacht, und propagiert sei eine asketische Lebenshaltung bis hin zum Märtyrertum : Das Mönchstum war im Aufwind. Es ist also anzunehmen, dass diese immer stärker werdende Entstofflichungs - und Abstraktionswelle ihren Niederschlag in der Kunst fand: Hilde Zaloscer sieht das in der Aufgabe der Plastik . An ihre Stelle tritt die Malerei. Begünstigt sei dies durch das "Bilderverbot" worden, das sich keineswegs um das Versagen jedweder bildlicher Wiedergabe gedreht , sich vielmehr gegen die Götzen und den Götzendienst gerichtete habe.. Das politische Umfeld zeigt sich exemplarisch am 725 ausgebrochenen grausamen Bürgerkrieg, der als "Bilderstreit" in die Geschichte eingegangen ist. Unterstützte der Staat anfänglich den aufkommenden Bilderkult (er konnte so auch die niederen Schichten unter Kontrolle bringen) wurde dem Staat zunehmend die Macht der Kirche , der Klöster lästig, und so erliess 726 Kaiser Leo III. ein Edikt , das den Bilderkult kurzerhand verbot: "Bilderverbot". Die ideologischen Vertreter der Bilderfeinde (Ikonoklasten) beriefen sich auf das Alte Testament mit seinem Bildverbot, sie setzten das Bild dem Idol gleich und betrachteten den Bilderkult als Götzendienst. Diese philosophische, intellektuelle und politische Elite war gegen die Anbetung der toten Materie, gegen die Anbetung von Götterbildern. Die Bilderfreunde (Ikonodulen), die mehr die unteren Schichten vertraten ( wir ahnen hier, dass die Einstellung zum Bild immer schon klassenprägend und klassengeprägt war) widersetzten sich (durch einen allmählichen differenzierten internen Prozess ) der Behauptung von der Identität von Abbild und Urbild, von Bild und Person. Ihre These fusste auf
platonischen Gedankengängen, indem sie an Stelle des Prinzips der Identität das der Ähnlichkeit postulierten. Das Verhältnis der Ikone zu ihrem Vorbild sei die gleiche Beziehung wie zwischen den Erscheinungen und der Welt der göttlichen Ideen; sie seien in diesem Sinne nicht substanzgleich, sondern das Bild sei nur Abglanz, Abdruck, Schatten, Spiegelbild, Siegelabdruck des Siegelstempels: So habe jedes Urbild sein Abbild in sich selbst enthalten). Künstlerische Produktion wird als Nachahmung der Nachahmung verstanden und entsprechend klassiert. Nach einem 100jährigen blutigen Krieg um die Macht und den vorder- oder hintergründigen Streit , um die Bedeutung und Funktion des Bildes , siegten die Mönche und Bilderfreunde.

Die dominante Macht der Kirche, die starke Hierarchisierung und Reglementierung fällt besonders auch in Bezug zu den Ikonen auf. Diese primär nicht als Kunstwerke, denn als Kultgegenstände aufgefassten "heiligen Geräte", waren in ihrer Produktion selbst strengster Kontrolle und Reglementierung unterworfen. Nach Vorbildern aus Malbüchern, mit präzisesten Angaben, wurde in einem kultischen, liturgischen Akt, durch Fasten und Beten, Segnung des Malmaterials, die heilige Handlung vollzogen und erst durch die Beschriftung der Ikone, durch die Weihe des Bischofs war die Ikone nun Träger des Göttlichen und erlangte.den Ruf, nicht von Menschenhand erschaffen zu sein.
FF31

Das Göttliche darf nicht nur abgebildet werden, im Gegenteil es verlangt gleichsam, seiner Natur nach, nach der Abbildung. Das Bild steht nur in einem Aehnlichkeitsverhältnis zum Urbild. Das Bild soll nicht Nachahmung der empirischen Welt sein, sondern Resultat einer inneren geistigen "Schau".
FF32

Ganz wie ein Frosch hüpfen
Dann gibt es aber auch die wichtige Frage der Wiederholung. Und gibt es das überhaupt? Ist das Wiederholung oder ist es Beharrlichkeit? Ich neige zu glauben : Es gibt gar kein solches Ding wie Wiederholung; und wirklich, wie kann es gehen? Jedesmal in den hunderten von Malen, wenn ein Journalist sich über mein Schreiben und meine Wiederholung lustig macht, hat er immer dasselbe Thema, nämlich: Wiederholung. Aber einmal begonnen das auszudrücken, irgendetwas auszudrücken, dann kann es keine Wiederholung geben. Denn das Wesentliche dieses Ausdrucks ist Beharrlichkeit. Und wenn man beharrt, dann muss man betonen. Und wenn man betont, dann ist es nicht möglich, solange man lebt, dass man genau für dasselbe, dieselbe Betonung benutzt. Wir wollen aber ernstlich über den Unterschied zwischen Wiederholung und Beharrlichkeit nachdenken. Jeder kann von einer Geschichte über ein Verbrechen gefesselt sein, denn wie oft er auch die Zeugen dieselbe Geschichte erzählen hört, die Betonung ist unterschiedlich. Das ist was das Leben ausmacht, dass die Betonung verschieden ist, egal wie oft man dieselbe Geschichte erzählt, wenn sie lebendig erzählt werden soll, dann ist die Betonung verschieden. Es muss so sein. Es ist genau wie ein Frosch hüpft. Er kann niemals über die genau die gleiche Entfernung, oder die genau die gleichen Weiten seinen Sprungmachen. Vogelgesang kommt vielleicht der Wiederholung am nächsten. Aber wenn man gut zuhört, dann ändert auch der Vogel seine Betonung. Das ist der Ausdruck des Menschen: Dasselbe zu sagen, beharrlich, die Betonung zu verwandeln.
FF33

Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns unerbittlich zu wiederholen.
FF34


Unsere heiligsten Ueberzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf die obersten Werte sind Urteile unserer Muskeln.
FF35


Ja, ja, ich weiss, es gibt viele wie uns, die die Welt anschauen, aber die Welt schaut nicht zurück.
FF36


Von der Strenge der Wissenschaft

...In jenem Reich erlangte die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit, dass die Karte einer einzigen Provinz den Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reichs den einer Provinz. Mit der Zeit befriedigten diese masslosen Karten nicht länger, und die Kollegs der Kartographen erstellten eine Karte des Reichs, die die Grösse des Reichs besass und und sich mit ihm in jedem Punkt deckte. Die nachfolgenden Geschlechter, die dem Studium der Kartographie nicht mehr so ergeben waren, waren der Ansicht, diese ausgedehnte Karte sei unnütz, und überliessen sie, nicht ohne Verstoss gegen die Pietät, den Unbilden der Sonne und der Winter. In den Wüsten des Westens überdauern zerstückelte Ruinen der Karte, behaust von Tieren und von Bettlern; im ganzen Land gibt es keine anderen Ueberreste der geographischen Lehrwissenschaften.

Suarrez Miranda : Viajes de varones prudentes, IV.Buch, Kapitel XI.V, Lerida, 1658
FF38

Ordnung ist selten. Sie ist eine Insel, eine Inselgruppe.
Die Unordnung ist der Ozean, aus dem die Inseln aufgetaucht sind...Die Brandung nagt an den Ufern. Die Unordnung ist die Bestimmung aller Systeme - und ihr Ausgangspunkt... Man kann den Wunsch haben, an die beiden Ränder der Existenz zu gelangen, die eigene Geburt und den eigenen Tod. Dazu muss man die Insel verlassen und sich ins Meer stürzen.
FF39


" Das Niedere wurde für immer zu meinem Ideal. Wenn ich jemand verehrte, so war es der Geknechtete, doch wusste ich nicht, dass ich, einen Geknechteten verehrend, zu einem Aristokraten wurde" .
W. Gombrowicz/NZZ 167


Das Bewusssein der Welt
fällt nicht mit unserem Bewohnen der Welt zusammen.
Nähe ist nicht Bewusstsein von Nähe.

-Verbindungen, die nicht bloss Gedanken sind -.

Im Verstehen finden wir Sinn.
In diesem Sinn rufen wir
das Leben und den Anderen
n i c h t an, sondern benennen es lediglich.

Ich habe ihm nicht ins Gesicht gesehen.

- Die Gegenwart des Antlitzes

Dem Nächsten von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen heisst, nicht töten zu können.

Der Erste ist der Andere.
Verantwortung.
Die Unmöglichkeit ,ihn im Geheimnis des Todes alleine zu lassen.

- Mut zur Angst.-.

Vor dem Eros
war schon das Antlitz;
Eros ist nur zwischen Antlitzen möglich.

Der Mensch erschliesst sich nur einer Beziehung,
die nicht Macht ist.
Sie ist eher Beziehung zu einer Tiefe als zu einem Horizont .

- Durchlöcherung des Horizontes -.

Im Antlitz des Anderen behauptet sich der unendliche Widerstand gegen unsere Macht,
eben gegen diesen Mordwillen,
den er herausfordert,
ganz nackt.

- Die Nacktheit des Antlitzes-

Können Dinge ein Antlitz haben?
Ist nicht Kunst ein Tun, das Dingen ein Antlitz verleiht?
Oder ist das eine masslose Überschätzung?

Schaut uns die Häuserfassade an?
Inwiefern ist das Sehen des Antlitzes nicht mehr Sehen, sondern Hören und Sprechen?
Inwiefern kann ich mir selbst als Antlitz begegnen?

Verbündeter der Geschlagenen, der Armen, der Gehetzten:
- Das heisst genau nicht , sich in die Ordnung eingliedern:
Das ist absolut störend.

Damit das Sichlosreissen von der Ordnung nicht Teilnahme an der Ordnung werde, muss dieses Sichlosreissen dem Eintritt in diese Ordnung vorausgehen.

Erfordert ist ein Rückzug, der dem Vormarsch innenwohnt.
Das Eintreten das später als der Auszug erfogt, diese Denkfigur nennen wir Spur.

Erscheinenlassen im Rückzug,
dieses Verschwinden im Erscheinenlassen

- Urmodus der Kommunikation

Kommunikation bedeutet nicht die Anwesenheit des Ich bei sich
in der Gewissheit,
d.h. einen ununterbrochenen Aufenthalt im Selbst -
sondern R i s i k o .
Gefählich leben bedeutet
nicht Verzweiflung,
sondern die positive Grosszügigkeit der Ungewissheit.

Eine Hand berührt
die andere, die andere berührt die erste;
die Hand wird also berührt und berührt das Berühren,
eine Hand berührt
das Berühren.
Kommunikation als Austausch
FF40

Macht gehört demjenigen, der zu geben vermag und dem nicht zurückgegeben werden kann. Der Tausch wird zum eigenen Vorteil durchbrochen und ein Monopol errichtet. Darin gründet das System der (sozialen) Kontrolle und der Macht. Die einzige mögliche Revolution - in den Medien - aber auch in allen anderen Bereichen, die Revolution überhaupt, besteht in der
(Wieder)Herstellung dieser Möglichkeit der Antwort.
FF41 (siehe auch FF108)

Die Beziehung zu Gott wird vorgestellt als Beziehung zum anderen Menschen.
Das ist keine Metapher. Im Nächsten ist reale Anwesenheit Gottes. Ich sage nicht, dass der Nächste Gott ist, aber dass ich in seinem Antlitz Gottes Worte höre.
FF43

Alles Beobachtbare ist Eigenleistung der Beobachters, eingeschlossen das Beobachten von Beobachtern (...)
Alles Beobachten ist Grenzziehung, ein Schnitt durch die Welt, eine Verletzung des "unmarked speace" (...)
Beobachte den Beobachter.
FF44/1

Beobachte den Beobachter

Was immer ein Beobachter sieht, sieht er dank den Unterscheidungen, die er verwendet; und man wird ihn fragen dürfen, warum er die Welt so ( z.B. Unterschicht/ Oberschicht) und nicht anders (z.B. Mann/Frau, Mehrheiten/Minderheiten, Arbeit/Kapital) anschneidet.

Jeden Beobachter kann man beim Beobachten beobachten und ihm zurufen:
"Ich sehe was, was Du nicht siehst !" - nämlich den "blinden Fleck" seiner Betrachtung

Was es nicht mehr gibt: Eine Beobachterposition. Was bleibt, ist das Beobachten des Beobachters.

Funktionale Differenzierung; es lösen sich die Banden, die die Einzelnen an ihren Stand geknüpft und die Stände oder Schichten untereinander in eine hierarchische Ordnung gebracht haben.
Keine übergeordnete Instanz regelt das wechselseitige Verhältnis von Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Recht usw. Das rein selbstbezügliche Operieren der einzelnen Funktionssysteme ist es, das die Ordnung der modernen Gesellschaft ausmacht.
Die Wirtschaft orientiert sich nun ausschliesslich an der systemeigenen Unterscheidung von Gewinn und Verlust, die Wissenschaft an derjenigen des wissenschaftlich Wahren und Unwahren; kein übergreifender Ordnungsrahmen garantiert, dass dem rechtlich Richtigen, auch wissenschaftliche Wahrheit oder politische Opportunität zukommt.
Kann man nun auch Verbrecher lieben?

Überhaupt kann man nicht genug bedenken, dass wir nur immer uns beobachten, wenn wir die Natur und zumal unsere Ordnungen beobachten.
FF44/2

Ein Werk, dessen wesentliche Darstellungsmittel Fläche, Linie und Farben sind, fordert vom Beschauer einen selbständigen schöpferischen Akt in Form von Rückprojektion aus der planen Ebene in den dreidimensionalen Raum der (eigenen) Realität.
Wesensmässig steht das Bild der Schrift näher. beide Schrift und Bild, gehen von der Fläche aus, beide sind "Symbolisationen", semantische Zeichen, gleich ob Schrift oder Bild, die für etwas anderes stehen.
Die Raumfrage ist eine der entscheidenden Fragen der bildenden Kunst.
FF45

Ich habe in meinem Vortrag über Ethik zum Schluss in der ersten Person gesprochen: Ich glaub, dass das etwas ganz Wesentliches ist. Hier lässt sich nichts mehr konstatieren: Ich kann nur als Persönlichkeit hervortreten und in der ersten Person sprechen.
Für mich hat Theorie keinen Wert.
Eine Theorie gibt mir nichts.
FF46

Ich bin hier... und es gibt nichts zu sagen. ...
...
...Was wir brauchen... ist Stille...; ... aber was
die Stille will ... ist, dass ich weiterrede.
...
Aber nun... gibt es Stille... und die Wörter...
erzeugen sie, ... helfen mit...
Diese Stille zu erzeugen.
FF47

Meine Tätigkeit hat vorwiegend darin bestanden, Gewicht wegzunehmen...
Der Dichter des Vagen kann nur der Dichter der Präzision sein...
"Es gilt, leicht zu sein wie ein Vogel, nicht wie eine Feder."

Erkennen heisst, etwas ins Wirkliche einführen, also die Wirklichkeit deformieren.
FF48

Ein System greift ein, um einer Sache Sinn zu verleihen, die ursprünglich keinen Sinn hat. In Ermangelung eines Systems kann ein nicht-codifiziertes Etwas das dem System vorausgeht, unendlich viele Zusammenstellungen erzeugen, denen erst hinterher, dadurch,dass man ein System auf sie legt, einen Sinn zuschreibt.
Was ist dieses Nicht-Codifizierte?
Es ist die Quelle jeder möglichen Information oder-wenn man will - die Realität.
FF49

Einem Kind

Wirst dir einige Figuren zulegen
Hans im Glück
zum Beispiel
Mann im Mond
St. Nikolaus
zum Beispiel
und lernen
dass die Stunde sechzig Minuten hat
kurze und lange
dass zwei mal zwei vier ist
und viel viel oder wenig
dass schön hässlich
und hässlich schön ist
und
dass historisches Gelände
etwas an sich hat
Zuweilen
somers oder so
begegnet dir in einem Duft von Blumen
einiges dessen
das man Leben nennt
und du stellst fest
dass
was du feststellst
etwas an sich hat.
FF50

Gut und Bösqe tritt erst durch das Subjekt ein. Und das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist Grenze der Welt.
FF51

...dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.
FF52


Wir sind Knoten in einem Netz, in welchem Fäden zusammenkommen und auseinanderfliessen. Die Stellung eines jeden Knoten verschiebt sich ständig, je nach Intensität. Das ganze Netz schwingt, wogt, verdichtet sich an einigen Stellen und wird an anderen wieder dünner. Jedes "Ich" ist ein einzigartiger Knotenpunkt und ist von allen übrigen Knotenpunkten im Netz durch seine Stellung, und die in ihm gelagerten Informationen unterschieden. Das was einst "Ich", die "Identität" das "Selbst" genannt wurde, entpuppt sich als Knoten von Relationen. Ich bin, was immer ich in Bezug auf andere bin. Wir sind die Summe der Verhältnisse, die uns mit anderen verbindet, und wenn wir Schritt für Schritt diese Beziehungen abstrahieren, dann bleibt - wie bei der berüchtigten Zwiebel - nichts mehr übrig.
FF53


Zeichne auf dem Papier einen leeren Kreis, das bin dann ich: Innere Leere. Schau ihn dir an und lösche ihn aus.
FF54

Nicht zufällig erörtern diese Seiten von Piaget mathematische Probleme, die mit den Forschungen von Gödel in Verbindung stehen. Die Strukturen enthalten einen inneren Widerspruch, und dieser Widerspruch wird evident und eventuell lösbar, wenn sich eine neue Struktur abzeichnet. Es bildet sich so eine Art Pyramide, deren Fundamente nicht auf der - immer widersprochenen -
Basis stehen, sondern auf jener ständigen Öffnung und Progression der Spitze, die die Pyramide in eine Spirale verwandelt mit immer weiteren Windungen, je weiter man nach oben kommt.
FF55

Die Aufgabe der Philosophie besteht nicht darin, uns über Unbekanntes oder Geheimnisvolles aufzuklären, sondern das was wir ständig vor Augen haben und uns deshalb vielfach nicht mehr bewusst ist, in ein anderes Licht zu rücken, so dass wir es wahrnehmen und die falschen Bilder, die unsere Gedanken in die verkehrte Richtung geleitet haben, korrigieren zu können. Die Philosophie stellt eben alles bloss hin, und folgert nichts. Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn was etwa verborgen ist, interessiert uns nicht.
FF56

Ist deine Mutter eine Landschaft oder ein Gesicht? Oder eine Fabrik?
FF57

Der Akt, ein Blatt zu nehmen, es in zwei Teile zu reissen und auf diese Weise ein Paar zu schaffen, ist schliesslich immer noch ein ziemlich wunderliches Ereignis.
FF58

Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit... ist, dass der Mensch nicht ein sanftes, liebesbedürftiges Wesen ist, das sich höchstens, wenn angegriffen, auch zu verteidigen vermag, sondern dass er zu seinen Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil von Aggressionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt, sondern auch eine Versuchung, seine Aggressionen an ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne Entschädigung zu gebrauchen, ihn ohne seine Einwilligung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz seiner Habe zu setzen, ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, zu martern und zu töten. Homo homini lupus; wer hat nach allen Erfahrungen des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten?
FF59

Stammesgeschichtlich wird der Krisenpunkt der Geburt dadurch begründet, dass bei den noch eierlegenden Vorfahren des Menschen der Geburtskanal zum Schutze des Eies durch den einzigen stabilen Knochenring geleitet wurde. Dieser Weg des Geburtskanals war bauplanmässig so festgelegt, dass er bei der Entwicklung zu den Säugetieren beibehalten wurde, was bei den Vierfüsslern auch kein Problem wurde, da dieser Knochenring locker sein konnte, ohne die Statik des Skeletts zu beeinträchtigen. Als sich aber die Hinterbeine zu den tragenden Laufbeinen entwickelten, musste dieser Knochenring, der Beckenring, wesentliche statische Funktionen übernehmen und musste dadurch fest sein. Dies wiederum begrenzte die Grösse des Kindes bei der Geburt, was zur Folge hatte, dass die Schwangerschaft verkürzt wurde. Möglicherweise ist dies dann ein Umstand gewesen, der wesentlich zur enormen Entwicklung des Bewusstseins beim Menschen beigetragen hat, dass er in einem embryonalen Stadium geboren wird und schon in diesem Stadium die Aussenreize zu verarbeiten hat. Sowohl die Verlegung des Geburtstermins, wie auch die daraus resultierende Reifungsverzögerung sind stammesgeschichtlich junge Bildungen und insofern vom genetischen Programm her Zonen der Labilität. Wenn wir diesen Grundgedanken weiter folgen, so ergibt sich hieraus die Perspektive zur Erklärung der eigenartigen Aggressivierung des Menschen im Vergleich zu seinen stammesgeschichtlichen Vorfahren.
FF60

Schon im frühen Kindesalter (6.-18.Monat) entwirft das in den Spiegel schauende Kind ein imaginäres Bild von der Gestalt seines Körpers. Es antizipiert eine somatische Einheit und identifiziert sich mit dieser, obgleich seine körperliche Kompetenz in diesem Stadium noch sehr mangelhaft und auf weitgehende Hilfe von aussen angewiesen ist. Der Blick - und damit die der Motorik weit überlegene visuelle Wahrnehmung - perzipiert die Einheit eines Bildes, die in Realität noch fehlt und setzt sie in Beziehung zum eigenen Körper. Es ist die triumphale Setzung eines Ideal-Ich, vermittelt durch die Spiegel-Imago, die dem Kind als Garant jener Einheit und Omnipotenz dient, die seine körperliche Existenz ihm noch nicht verleihen kann.
Im faszinierenden Spiel zwischen Leib und imaginierter Leiblichkeit entwirft das Subjekt sein Ich als psychische Einheit. Und aus diesem Spiel der Identifizierung wird sich fortan der immense Reichtum an Phantasien entwickeln.
FF61/1

Jenes Wechselspiel von Sich-Erkennen und Verkennen, von spiegelhafter Faszination und Aggression schildert bereits der römische Dichter Ovid (43 v.Ch. - 17 n.Ch.) im Mythos von "Narziss". Sechszehnjährig entdeckt der Jüngling im Gebirge eine noch "unberührte" Quelle. Aus dem Bedürfnis, seinen Durst an derselben zu stillen, "erwächst ihm ein anderer Durst", ein Begehren nach Liebe, erblickt er doch beim Trinken sein eigenes Bild im Wasser. Von diesem fasziniert, versucht er eins zu sein mit ihm als "Liebender und Geliebter"... Schliesslich erkennt Narziss, dass die Liebe, die er der Spiegelung zubringt, ihm selbst gilt. In der Faszination dieser Schemen sich findend, verliert er sich aufs Neue, denn er sieht sich da, wo er selbst nicht ist... Das was Identität zu verbürgen scheint, erweist sich als unerreichbar fremd. Faszination und Aggression bilden den Zirkel dieser instabilen Beziehung. Eine Lösung scheint ihm nur in der Vernichtung des einen - sich selbst - möglich, obwohl er weiss, dass diese auch den Tod des anderen fordert: "Doch jetzt sterben wir beide, vereint im einzigen Hauch."
FF61/2

Versuchen wir also zu klären, a) welches die Ideologie dessen ist, der fragt: "Wer spricht?"; b) welches die Ideologie dessen ist, der diese Frage durch eine andere ersetzt.

Achten wir darauf: diese Frage ist die erste, diejenige, die jedes Denken begründet, wenn die Voraussetzung akzeptiert wird, daß das, was die Frage stellt, immer etwas ist, was vor uns da ist. Aber um zu dieser Annahme zu gelangen, muß man schon die Schlußfolgerung akzeptiert haben, zu der uns die Frage geführt hat. Sonst muß die Frage als das erkannt werden, was die war: ein Glaubensakt, ein mystisches Postulat. Wir sagen nun nicht, daß diese Frage nicht gestellt werden könne, daß der Mensch von Natur aus nicht dazu neige, die Frage zu stellen. Das könnte man kaum behaupten, da der Mensch einige Jahrtausende lang nichts anderes getan hat. Aber wer hat es getan? Eine bestimmte Kategorie von Menschen, die nämlich, denen die Sklavenarbeit anderer die Kontemplation des Seins erlaubte und denen es diese Sklavenarbeit der anderen erlaubte, diese Frage als die dringlichste von allen zu empfinden.
Stellen wir die Hypothese auf, daß es eine wesentlichere Frage geben kann, die nicht von dem freien Mann (der unter Bedingungen lebt, die ihm 'Kontemplation' ermöglichen), sondern vom Sklaven gestellt wird, der sie sich nicht stellen kann und der es dringlicher empfindet, sich statt "wer spricht?" "wer stirbt?" zu fragen (und der es daher dringlicher findet, sich zu rühren, nicht um zu philosophieren, sondern um ein wassergetriebenes Mühlrad zu konstruieren, das es ihm ermöglicht, weniger schnell zu sterben und sich von dem Mühlstein zu befreien, an den er gefesselt ist).
Die Nähe zum Sein ist für den Sklaven nicht die tiefste Bindung: zuerst kommt die Nähe zum eigenen Körper und zu dem der anderen.
FF62

Der Mensch begegnet sich nach Heidegger im technischen Denken nirgendwo mehr selber, sondern nur noch dem "Gestell", als dem hermeneutischen Wesen der Technik. In der technisch scheinbar beherrschten Welt erfährt der Mensch die Welt nicht mehr in ihrem Sein, sondern er erfährt sie in ihrer technischen Bedeutung. Diese Seinsvergessenheit bedenken die Menschen nicht und versuchen bloss technisch besser zu handeln.
FF63

Auch wenn man nämlich zweifelt, lebt man; wenn man zweifelt, erinnert man sich, woran man zweifelt; wenn man zweifelt, sieht man ein, dass man zweifelt; wenn man zweifelt, will man Sicherheit haben; wenn man zweifelt, denkt man; wenn man zweifelt weiss man, dass man nicht weiss; wenn man zweifelt, urteilt man, dass man nicht voreilig seine Zustimmung geben dürfe. Wenn also jemand an allem andern zweifelt, an all dem darf er nicht zweifeln. Wenn es diese Vorgänge nicht gäbe, könnte er überhaupt über nichts zweifeln.
FF64

...diese Prägungen sind vielleicht dann in meine Schreibe eingegangen, in der Spiegelung quasi als Gerüche, als Töne, aber nicht frontal, weil ich das Frontale nicht liebe, weil ich finde, dass hinter dem Frontalen die Welt erst sich ausbreitet.
FF65

Aus dem Blickwinkel von gewissen Computerwissenschaftern (M.Minsky z.B.) ist Denken nichts anderes als eine Form von Rechnen. Denken ist aber mehr als Rechnen, wie die Mathematik auch. In der Mathematik gibt es viele Dinge, die perfekt und mathematisch präzis definiert sind, ein Computer aber nicht berechnen kann.
Denken und Bewusstsein gehen weit über das blosse Rechnen hinaus. Deshalb bin ich überzeugt: Denken ist etwas, das auf einem Computer nicht einmal simuliert werden kann, geschweige denn gedacht.
FF66

Ohne Zweifel Herr, fehlt hier ein ganzes Kapitel, und es ist im Buch eine Lücke von ungefähr zehn Seiten entstanden, doch ist der Buchbinder weder ein Narr noch ein Schelm, noch ist das Buch darum nicht um einen Deut weniger gut ( zum mindesten in dieser Hinsicht); im Gegenteil, das Buch ist durch dieses fehlende Kapitel besser und vollständiger, wie ich es Euer Wohlgeboren gleich beweisen werde.
FF67

Den Kopf in Brand setzen
1
Ungesätigt gleich der Flamme glüh und verzehr ich mich.
2
Ich stelle mir die Erde als Projektion im Raum vor, einer schreienden Frau gleich, deren Kopf in Flammen steht... vor dem Universum, zusammengesetzt aus unzähligen kreisenden Sternen, die sich verlieren und sich masslos verzehren, sehe ich nur eine Abfolge grausamer Herrlichkeiten, deren Bewegung selbst es erfordert, dass ich sterbe; dieser Tod ist nur ein glanzvoller Verzehr von all dem, was Freude am Existieren war, von all dem, was zur Welt kommt.
3
Über den Wolken, in den höchsten Lüften, im Delirium verbrenne ich manchmal... Und um meinem Geist ein Asyl in der Frische zu verschaffen, baue ich aus meinem Feuer ein Schloss.
4
Man muss dem Verbrennen zustimmen, man muss ihm voraus und ohne Umschweife nicht nur etwas verbrennen, sondern alles, was für uns die Dinge ausmachen, um nicht uns selbst der Gefahr auszusetzen, ganz und gar zu verbrennen.
5(25)
" Der Brand eines Mietshauses gibt den Menschen Gelegenheit, ihre Nachbarn kennenzulernen.""
FF68

Ich glaube, dass in diesen letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts (der Psychoanalyse) es vor allem Denker mit bildlicher Vorstellungskraft - penseurs par images - braucht und nicht gelehrte Scholasten und abstrakte Formalisten.
Von der Notwendigkeit Grenzen zu setzen :
- Bevölkerungswachstum
- Wettrüsten
- Atombombenversuche
- wirtschaftliches Wachstum
- unstillbarer Konsum
- wachsende Kluft zwischen Armen (Menschen/Länder) und Reichen.
- Grössenwahnsinn bei wissenschaftlichen Projekten und wirtschaftlichen Unternehmungen
- Ueberflutung der Privatsphäre durch Massenmedien
- Zwang zu Rekorden
- Sucht immer schneller, weiter, alles was möglich ist zu produzieren, auch wenn dabei mechanische, architektonische und biologische Monster entstehen.
Von der Notwendigkeit Grenzen zu setzen:
- der Gewalt an Natur und Mensch
- Verschmutzung von Luft, Erde, Wasser
- der Energieverschwendung
- der Auflösung moralischer, sozialer Werte
- der fortschreitenden technologischen Entwicklung, die die körperliche Integrität, die geistige Freiheit, die natürliche Zeugung und das Überleben der Menschheit bedrohen.
Grenzen wiederherstellen,
Beschränkungen wieder einführen, bewohnbare Gebiete,
in denen sich leben lässt.
Die Grenze ist nicht als Hindernis, als Barriere zu denken, sondern als eine Bedingung, die es ermöglicht Differenzierungen wahrzunehmen.
Trennungen und dadurch entstehende Grenzflächen (interfaces) sind notwendig.
FF69

I C H
Ein Ich zu sein bedeutet, die Fähigkeit in sich zu spüren, Signale auszusenden, die von anderen wahrgenommen werden.
Ein Ich zu sein heisst, sich einzigartig zu fühlen.
Ein Ich zu haben heisst, sich in sich selbst zurückziehen zu können. (S.87)

Das Bewusstsein ist eine Grenzfläche, das Bewusstsein erscheint auf der Oberfläche (des psychischen Apparates), besser noch, es ist diese Oberfläche. (S.114)

Freud hat folgende Charakteristika im "Wunderblock"
herausgearbeitetet:
Die doppelblättrige Struktur des Ich; das obere Blatt als Reizschutz (Panzer, Leder, Pelz), das untere Blatt aus W(?) (entspricht der sensorischen Aufnahme exogener Reize und der Eintragung ihrer Spuren auf das Wachspapier.
(S.116)
Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst eine Projektion einer Oberfläche.
Das heisst, das Ich leitet sich letztlich von körperlichen Gefühlen ab, hauptsächlich von solchen, die auf der Körperoberfläche entstehen.
FF70

Die zeitliche und räumliche Integration des Ichs hängt von der Fähigkeit der Mutter ab, den Säugling zu halten; die Identitätsfindung des Ichs hängt von der mütterlichen Fähigkeit ab, den Säugling zu pflegen.
FF71

Das menschliche Denken beruht auf drei Fundamenten: der Haut, dem Grosshirn und der sexuellen Vereinigung, analog zu den drei Varianten der Oberfläche : der Hülle, der Haube und der Tasche.
FF72

Neue Konsequenzen für die ästhetische Theorie:
- Schule der Wahrnehmung
- Lehre von Abrüstung
- Kunst des Umgangs mit Kunst
- Technik der Entbrutalisierung der Technik
- Ästhetische Ökonomie
- Logik der Schonung
- Wissenschaft vom Unterlassen.

Ästhetik hingegen wäre die Aufklärung menschlicher Bewegungen durch ein waches Dabeisein und Darinsein. Aufgeklärte Beweglichkeit zeigt sich darum weniger in der lauten Akklamation von Kunstwerken - Kunstbedarf ist eher ein Indiz von struktureller Barbarei - als in dem stillen Einbau von Aufmerksamkeit in Lebensformen.
Wer aber will das wirklich?
FF73

1. Das Küssen lehren,
2. Den Mund betheren,
3. Sich nie beschweren,
4. Die Schafe scheeren,
5. Im Walde beeren,
6. Sein Brot verzehren,
7. Die Schnitze deeren,
8. Nie was verhehren,
9. Das Unglück wehren,
10.Ein Trunk in Ehren?,
Wer will* s verwehren.
FF74

...Elefanten wissen, wo sie zum Sterben hingehen, die Erinnerung an etwas, das sie nicht erlebt haben, führt sie dorthin... Wir sind keine Eefanten oder Lachse, die stromaufwärts zum kalten Wasser schwimmen, und die Erinnerung ist kein Instinkt, aber nach einiger Zeit, wenn etwas einmal passiert ist, ein Ereignis, eine Geste, ein ausgesprochenes oder unausgesprochen gebliebenes Wort, wird es zur Tatsache im Körper, die vielleicht nicht pysisch ist, auf die man aber zurückkommt, als wäre sie ein Instinkt...
FF75

Moränen, Muränen und Meere und Mähren,/ Karfunkel und Funken und Bären und Beeren, / wo stell ich das hin, und wie soll ich mich wehren?
FF76

Für meinen Begriff ist das Politische innerhalb gewisser Grenzen schon immer eine Sache der Sprache gewesen.
So gesehen besteht nicht unbedingt ein Bruch. Aber das Politische und das Poetische, das würde ich als genau den Unterschied zwischen dem rein gesetzmässigen Kalkül und dem geheimnisvollen, offenen Terrain verstehen, in dem man lernt, auf den anderen einzugehen, und zwar so, dass man ihm eine Antwort entlockt.
Das erste ist Kalkül, Politik ist Kalkül, das dürfen wir nie vergessen. Deshalb geht es ja nicht ohne den Klassenbegriff. Aber man muss ihn zum Spielen bringen. Das ist der Punkt, an dem wir nicht einfach nur Rechte lockern, sondern dazu Verantwortung in einem ganz konkreten Sinn übernehmen: Wir müssen auf den andern eingehen, bis wir eine Antwort bekommen. Dazu in der Lage sein, das will ich vorerst das Poetische nennen, denn das bringt eine weitere unmögliche Dimension ins Spiel, die notwendige Dimension des Politischen. Das ist für mich heute das wichtigste. Deshalb kann ich auch davon sprechen, dass das Analytische aufgehoben wird - nicht dass es fortgeworfen wird, sondern dass man einen neuen Weg zum Dialog findet.
FF77

Der brasilianische Fotograf Sebastiano Salgado zeigt in seinem berühmten Buch "Arbeiter" handwerkliche Tätigkeiten, bei denen jede Handbewegung noch das bedeutet, als was sie erscheint. Heute gibt es ganz neue Welten, in denen die Erscheinung der Dinge kaum mehr visuell mit den von ihnen bedeuteten Inhalten in Zusammenhang zu bringen ist.
FF78

Rosinen mögen das Beste an einem Kuchen sein; aber ein Sack Rosinen ist nicht besser als ein Kuchen. Und wer im Stande ist uns einen Sack voll Rosinen zu geben, kann damit noch keinen Kuchen backen, geschweige dass er etwas besseres kann.
FF79

Kunst ist ein Mittel, um zu einer Aktivität des Erforschens zu gelangen... Aber meine Haltung ergibt sich daraus, dass ich nicht Wissenschafter, sondern Künstler bin, was gleichbedeutend ist mit einer anderen Art des Forschens.
FF80

Es ist eine böse Welt.
FF81

Jede Erfahrung ist entschieden persönlich...
FF82

Das ungute Gefühl beim Reden über die eigene Arbeit:
Gibt es eine wahre Rede über das eigene Ich?
FF83

"Die Sprache untersuchen heisst nur, die Sprache befragen. Die Sprache ist niemals das, was gedacht wird, sondern das, in dem gedacht wird. Ueber die Sprache sprechen heisst nicht, Erklärungsstrukturen zu entwickeln und die Regeln des Sprechens auf genau bestimmte kulturelle Situationen zu beziehen, sondern es bedeutet, der Sprache ihre ganze konnotative Kraft zu geben, den Inhalt durch die Kombination der Wörter mehr und mehr aufzuladen. Das Wort ist nicht Zeichen. Es ist das Sich-öffnen des Seins selbst. Anstelle der Semiotik gibt es dann nur eine einzige Wissenschaft der Sprache: Die Dichtung, die schöpferische ecriture, die Poesie."
FF84

A33
Die Schnecke baut ihr Haus nicht, sondern es wächst ihr aus dem Leib. (F567)
So traurig stand er da wie das Trinkschälchen eines krepierten Vogels.
FF85

Alles was man ist, enthüllt sich als zerbrechlich und vergänglich, und worauf wir sämtliche Berechnungen unserer Existenz stützen, ist dazu bestimmt, sich in einer Art unbeständigen Dunst aufzulösen... Ist mein Satz abgeschlossen?

Das Ich ist nur bei sich,
wenn es ausser sich ist.
FF86

Keine Weise des Wahrnehmens und Beobachtens kann uns sagen, wie die Dinge sind; nur, wie sie sich im Rahmen vorgeformter Erwartungen verhalten.
FF87

Es war ein Frühlingstag und ich war auf dem Weg zum Kindergarten gegenüber. Da ging mir, noch auf dem Gehsteig auf unserer Seite, in mehreren Schüben, ich trat und starrte, das Geheimnis des Zählens im Zehnersystem auf.
FF88

In erkenntnistheoretischem Interesse angestellte Selbstbeobachtungen sind schwierig zu beschreiben, und noch schwieriger ist es, Fassungen der Protokolle herzustellen, die dem Leser nach Umfang und Uebersichtlichkeit zugemutet werden können und dabei auch den Urheber noch einigermassen befriedigen. Es wären einige Formate der Beschreibung erforderlich, in denen quasi-sinnlichen Tatsachen der Selbstwahrnehmung klar unterschieden sind von den jede Selbstbeobachtung begleitenden "nicht direkt wahrnehmbaren", das heisst nicht quasi-sinnlichen auftretenden Orientiertheiten, von einem ständig präsenten "Mitwissen" (ein sozusagen implizites Wissen, dessen Gegenstände nicht aktuelle Gegenstände der Aufmerksamkeit sind), von Zielgefühlen, Wünschen, "Willensregungen" etc.; und ferner natürlich von den Gedanken, die sich im zeitlich unmittelbaren Anschluss zu den wahrgenommenen Ereignissen einstellen. Es ist selbstverständlich, dass all diese, und ähnliche Wahrnehmungen, wie sie sich in jeder Selbstbeobachtung zuhauf ergeben, eingehendst beschrieben, analysiert und systematisiert werden müssen
FF89


Sprache ist kein System der Wirklichkeitsabbildung.
Spielt sich denn die Erkenntnis nicht immer mehr auf dem Papier ab...
Noch einmal und immer wieder: Es ist die Sprache das Wirkliche, das Reale, das Einzige, das Greifbare, das Vorhandene; der Masstab ist die Kommunikation - Nebelflecke und Sinnenseindrücke heften sich daran als "Wirklichkeit" und "Bewusstsein"
FF90

Ist es alles
am meisten alles, und dieses
es wenig wird,
es am wenigsten dies wird
- falls es das wird.
FF91

Listen

1 S...........
2 G.............
3 E.......
4 S................
5 S.................
6 K...........

1 T................
2 S............
3 S.............
4 M...............
5 S..............
6 B..............

FF92


FF 93 (leer)


Der Mensch wird durch die soziale Welt determiniert - das ist sein "Elend"; er vermag die Determinismen zu erkennen und kann sie überwinden - das ist seine "Grösse". Er nimmt einen Platz ein im sozialen Universum und steht über seinen Körper in Beziehung zur Welt. Diese spezifische Relation beschreibt Bourdieu über den Begriff des Habitus, der bei ihm eine spezifische Bedeutung angenommen hat. Durch diesen Begriff setzt er sich ab von einer Bewusstseinsphilosophie, die alle Handlungen als Resultat bewusst kalkulierter Ueberlegungen versteht.
Der Habitus als Sediment vergangener Erfahrungen ermöglicht es, sich gleichsam unbewusst an den im Wandel begriffenen Kontext anzupassen. Handeln ist so weder Konfrontation eines Subjets mit der Welt noch mechanische Determinierung durch ein Milieu, sondern die Bewegung von zwei "Realisierungen" der Geschichte, nämlich der in den Dingen objektivierten Geschichte in der Form von F e l d s s t r u k t u r e n und der im Körper inkarnierten Geschichte in Form des H a b i t u s.
FF94

Es ist nicht möglich, dass ein Mensch völlig mit einem andern übereinstimmt.
Mein Zuhörer versteht mich nicht wörtlich. Der Zuhörer nimmt nur teil an der Vitalität dieser Augenblicke der Erkenntnisse - beim Selber- Ueberrraschtsein von der Entdeckung dessen, was ich weiss, ohne es bis zu diesem Augenblick zu wissen...

Es ist nicht Klarheit die wünschenswert ist, sondern Kraft.
Klarheit ist unwichtig weil niemand zuhört und niemand weiss was man meint, noch wie klar man das meint was man meint. Aber wenn man genug Vitalität besitzt um genügend zu wissen was man meint, wird zuweilen jemand und zuweilen und zuweilen werden sehr viele einsehen müssen, dass man weiss was man meint, und so werden sie zustimmen dass man meint was man weiss, dass man das was man weiss, meint, und das ist so nahe wie man kommen kann um einen anderen zu verstehen.
FF95

Die philosophische Grundfrage, was ich (Subjekt) von dem, was man gemeinhin Welt (Objekt) nennt, wissen kann, beantwortet Schopenhauer quer zum erkenntnistheoretischen Auffassungsschema, wie es die gesamte abendländische Philosophie von Platon über die Scholastik bis hin zu Kant und Hegel dominierte.
Er steigt nicht ein auf die dualistischen Modelle Realismus versus Idealismus, subjektivistische oder objektivistische Position, Metaphysik gegen reine Empirie. Schopenhauer setzt auf einen doppelten Weg der Erkenntnis, ein methodisches « Sowohl-als auch»: die Welt als Wille (objektiv) und Vorstellung (subjektiv).
Schopenhauer:« Man kann nur dadurch zum Ding an sich gelangen, dass man eimal denStandpunkt verlegt, nämlich statt wie bisher immer nur von dem auszugehen, was vorstellt, eimal ausgeht von dem, was vorgestellt wird. Dies ist jedem aber nur bei einem einzigen Ding möglich, welches ihm auch von innen zugänglich und dadurch ihm auf zweifache Weise gegeben ist: Es ist sein Leib, der in der objektiven Welt eben auch als Vorstellung im Raume dasteht, zugleich aber sich dem eigenen Selbstbewusstsein als Wille kundgibt.»
FF96

Es ist nicht überall ganz geheuer im Land. Noch immer kann es geschehen, dass einem in der Nacht, wenn man allein unterwegs ist, plötzlich ein Reiter begegnet. Der sitzt auf einem gewaltigen Ross, gestiefelt und gespornt, und nebenher läuft ein weisses Hündchen. Der Boden dröhnt, die Sporen klirren, das Ross rast mit aufgerissenen Augen voran. Dem Reiter aber sitzt der Kopf verkehrt auf dem Leib, und seine Augen starren rückwärts in die Nacht. Vergebens versucht er den Kopf zu drehen. Immerzu muss er zurückblicken, als wäre dort etwas, was er nicht aus den Augen bringt.
Das ist der Stiefelreiter. Man kennt seine Geschichte. Ein Verbrechen hat er begangen gegen Recht und Gesetz und gegen die Menschlichkeit. Jetzt starrt er zurück in seine Vergangenheit und bringt sie nicht mehr los.
FF97

Es geht nicht darum politische Kunst zu machen. Es geht darum politisch Kunst zu machen.
FF98

Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen, es sei wie es wolle, es war doch so schön!
FF99

Mit den Kindern allein im Haus, sagt der Onkel, er wolle sich verkleiden, um ihnen eine Freude zu machen. Als er nach langem Warten noch immer nicht erschien, gingen sie hinab und sahen, wie ein maskierter Mann das Tafelsilber in einen Sack packte. «Oh Onkel», riefen sie entzückt. «Tja, ist meine Verkleidung nicht gut?» sagte der Onkel und nahm die Maske ab.
FF100

Nachtrag:
So geht der hegelsche Sylogismus des Humors. These: Der Onkel verkleidet sich als Einbrecher (die Kinder lachen). Antithese: Es war ein Einbrecher (der Leser lacht; Synthese: Es war dennoch der Onkel (der Leser wird zum Narren gehalten).
Zusatz zu FF100

Menschliche Probleme sind eher in einer demokratischen Kultur, in der nicht mehr eine Gruppe von Menschen den anderen sagt, was sie glauben und tun sollen, zu lösen als dort, wo Verwalter letzten Wissens andere am Denken hintern.
FF101

Die Bilder sind das Urgestein der Kulte; sie leben länger als die Götter, zu deren Ehren sie errichtet worden sind.
Religionen sind mehr oder weniger gelungene Kunstwerke... Ob dieser Trieb zur Kunst dem religiösen vorausgeht oder ihm folgt, ist müssig zu fragen, beide sind untrennbar verbunden.
FF102

GEGEN DIE NACHT
DER NACHT
ENTGEGEN
FF103

SO EINFACH EINFACH SO
IN EIN GESICHT
ZU SCHAUEN
FF104

EINE FIGUR DIE SICH HOFFNUNGLOS
VERLIERT
EINE FIGUR DIE SICH HOFFNUNGSLOS VERLIEBT
FF105

Eigentlich entdeckt der lebende Organismus dort oben, dass man keine Knochen braucht, und Muskeln auch nicht Knochen und Muskelgewebe werden abgebaut. So ist das mit dem Leben. Sobald es einer anderen Umgebung ausgesetzt wird, passt es sich an.
(Astronaut Wubbo Ockels über die asketische Reaktion des Körpers auf einen Zustand langanhaltender Schwerelosigkeit.)
FF106

Ich zerstöre, ich zerstöre, ich zerstöre.
Woher nimmt die Betrachtung ihre Wichtigkeit, da sie doch nur alles Interessante, d.h. alles Grosse und Wichtige, zu zerstören scheint? (Gleichsam alle Bauwerke, indem sie nur Steinbrocken und Schutt übrig lässt).
Hat der Philosoph eben nicht neue Theoriegebäude aufzuführen oder sie zu flicken, sondern "Klärungsarbeit" zu leisten, die von den Gebäuden nichts übrig lässt?
FF107

Um diesen Terminus der Antwort richtig zu begreifen, muss man ihn in einem starken Sinne verstehen und dazu sich auf das beziehen, was in den "primitiven" Gesellschaften sein Äquivalent ist: Die Macht gehört demjenigen, der zu geben vermag und dem nicht zurückgegeben werden kann. Geben, und zwar in der Weise, dass einem nicht zurückgegeben werden kann, das heisst den Tausch zum eigenen Vorteil zu durchbrechen und ein Monopol aufzurichten; der gesellschaftliche Prozess ist auf diese Weise aus dem Gleichgewicht gebracht. Zurückgeben dagegen bedeutet, diese Machtbeziehung zu zerbrechen und auf der Basis einer antagonistischen Reziprozität den Kreislauf des symbolischen Austausches herzustellen.
In der Späre der Medien verhält es sich ebenso: Hier wird zwar gesprochen, aber so, dass niergends darauf geantwortet werden kann.
Deshalb besteht die einzige mögliche Revolution in diesem Bereich - aber auch in allen anderen Bereichen - die Revolution überhaupt, in der Wiederherstellung dieser Möglichkeit der Antwort.
FF108 (1./30)

Es gibt in der Tat kein privates Bild mehr. Jede organisierte Gesellschaft organisiert zuerst die Wahrnehmung... Der Staat, die staatliche Funktion ist zuerst die Organisation der Weltsicht. Der Staat ist die Weltanschauung, die Wahrnehmung der Welt... Die Dressur des Blicks.
Jede Kriegsepoche bringt eine Veränderung, eine Mutation der Wahrnehmung mit sich. Die Funktion des Auges ist die Funktion der Waffe. Man experimentiert im Krieg nicht nur mit Waffen, Geschossen, Raketen..., sondern macht immer auch Experimente des Sehens.
FF109 (1./54)

Ein Insasse eines Irrenhauses wird zwecks Entlassung befragt. Die erste Frage: "Was machst du, wenn du rauskommst?"
Der Insasse antwortet: "Ich beschaffe mir eine Steinschleuder und kommen zurück, um hier jedes verdammte Fenster kaputtzumachen." Nach sechs Monaten Gummizelle wird er wieder befragt. "Also, ich werde eine Stelle suchen", war die Antwort. "Gut." "Und dann werde ich ein schönes Mädchen kennenlernen." "Das ist ja wunderbar." Dann suche ich eine einsame Strasse und werde mit ihr dorthin fahren."
"Ja." " Dann werde ich ihren Strumpfhalter packen, daraus eine Steinschleuder machen, hierher zurückkommen und jedes einzelne Fenster kaputtmachen."
FF110

Hängt die Seele an einem Faden, so vergiss das Fragen.
Unnötig sind die Sicheln
der Fragezeichen.

Die Frage ist das Efeu,
der uns bedeckt und trügt.
Sie gaukelt uns vor Augen
Prismen und Scheidewege.

Die Antwort ist genau
die Frage in anderer Maske.
Sie geht hinaus als Quelle
und kommt als Spiegel zurück.
FF111

Ich konnte die akademische Idee nicht akzeptieren, die Absicht der Musik, der Kunst sei Kommunikation, weil ich feststellte, dass wenn ich mit Bedacht etwas Trauriges schrieb, die Höhrer und Kritiker oft dadurch zum lachen gereizt wurden. Ich beschloss, das Komponieren aufzugeben, falls ich keinen besseren Grund dafür fände als Kommunikation. Eine Lösung gab mir eine indische Sängerin: Der Zweck der Musik, der Kunst sei es, das Bewusstsein zu ernüchtern und zu beruhigen, um es dadurch für göttliche Einflüsse empfänglich zu machen.
FF112


Am Anfang der fünfziger Jahre traf ich die Entscheidung, alle Klänge dieser Welt anzunehmen. Davor war ich tatsächlich so naiv gewesen, an etwas wie künstliche Stille zu glauben. Dann aber ging ich an der Harvard Universität in Cambridge in einen schalldichten Raum und hörte ganz deutlich zwei Geräusche. Ich dachte, der Raum sei schuld daran, und rief den Techniker. Er forderte mich auf, sie zu beschreiben, und nachdem ich das getan hatte, sagte er: "Sehen sie, das hohe Geräusch war ihr tätiges Nervensystem und das niedrige Geräusch ihre Blutzirkulation." Mir wurde auf einmal bewußt, daß es Klänge und Geräusche gibt, die gänzlich unabhängig von mir existieren. Stille ergibt sich in dem Moment der Veränderung meines Bewußtseins. Es geht darum, Klänge hören zu lernen, und nicht so sehr darum, eigene Musik zu machen und in den Vordergrund zu stellen. Seitdem dreht sich meine Arbeit um genau dieses Problem. Wenn ich ein neues Musikstück herstelle, versuche ich es so zu konzipieren, daß es auf gar keinen Fall die Stille unterbricht, die bereits schon vorhanden ist.
FF113


Die von technischen Medien bewirkte Veränderung der Realität hat paradoxerweise die zentrale Stellung des "Körpers" als unser erstes Medium herausgestellt. Wie hilflos der Begriffe des Körpers, des Leibes dastehen, erkennen wir im komplexen Vorgang der Wahrnehmung, in der Entwicklung unserer Handlungs- und Denkfähigkeit, in der engen Verflechtung von Bewegen und Wahrnehmen, im feinsten Augenflimmern, der Veränderung des Muskeltonus, der Berührung, des Unterbruchs eines Klangs. Nietzsche verteidigt den Körper als "Ausgangspunkt". Er forderte, sich am "Leitfaden des Leibes" zu orientieren und die Erdung des Denkens im Körper zu vollziehen. Für ihn war der Körper als Ursprung aller Werte eher Herr als Diener; die Seele dagegen ablenkende, verderbliche Illusion. Nietzsche wäre aber gegenüber heutigen Trends wohl vorsichtig, die den Körper als das, was wir zutiefst und unmittelbar sind, definieren. Der Körper ist für ihn doch immer eine Konstruktion aus einer riesigen Vielfalt unterschiedlichster Elemente und "Lebensprozesse". Das Bild des Körpers als Einheit ist nur ein "von Auge konstruiertes Ganzes".
FF114


In der westlichen Tradition muss der Körper im Raum fixiert werden, wenn der Betrachter das Bild überhaupt sehen soll. Von der monokularen Perspektive der Renaissance bis zum modernen Kino muss der Körper stillgestellt und eingesperrt werden. Das an den Tisch gekettete Buch lässt sich als Vorläufer des Bildschirms verstehen. Die frühe Photographie und später das Kino setzten die Tendenz zur Einsperrung fort. Durch Virtuelle Realität (VR) verschwindet nun der Bildschirm. Frontalität, rechteckige Oberfläche, Unterschiede im Grössenmassstab sind nicht mehr vorhanden. Gleichzeitig aber sperrt VR den Körper in einem noch nie dagewesenen Ausmass ein. Das paradoxe der VR besteht darin, den Zuschauer sich physisch bewegen zu lassen und ihn gleichzeitig an die Maschine zu fesseln. Immer wird dabei die existierende physische Realität übersehen, ausser Acht gelassen, verlassen. Es ist der letzte Akt in der langen Geschichte der Einschliessung des Körpers.
FF115

In der griechischen Antike wurde Kommunikation als müdlicher Dialog zwischen Menschen verstanden. Das hiess auch, dass physische Bewegung den Dialog und den Denkprozess stimulierte. Aristoteles und seine Schüler gingen herum, während sie philosophische Probleme diskutierten.
FF116


Ideale zu schaffen,
neue und ewige,
in und von der Welt,
alte und vergängliche
ist meine Aufgabe, die Roboter nicht leisten können.
Dafür hat mich meine Mutter zur Welt gebracht.
FF117

Ich denke etwa daran wie Bilder von Mann und Frau, von Geschlechtlichkeit und idealem Zusammenleben, die uns in der familiären und sozialen Kindheit eingesenkt wurden, unser Wahrnehmen und Verhalten fortan imprägnieren und bestimmen. Stets handeln wir im Duktus solcher Grundbilder. Gerade als unbewusste sind sie wirksam. Solche Bilder sind Fallen. Sie haben zugeschnappt, als man an sie sich hielt. Nachher wird man wie Wittgenstein sagen: "Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es nur unerbittlich zu wiederholen". Aber wie gelangt man ins Nachher, wie kommt man aus diesen Bildern heraus? Am ehesten wohl über Bilderfahrung und Bildarbeit, die sich daran macht, diese vorgängigen Prägungen zu exponieren ... Eine schlagartige Veränderung im Ganzen wird einem in den seltensten Fällen geschenkt.
FF118

Das Verständnis der ästhetischen Botschaft basiert auf einer Dialektik zwischen Akzentuierung und Ablehnung der Codes. Ein Charakteristikum der ästhetischen Kommunikation ist der Verfremdungseffekt. Die Kunst erhöht die Schwierigkeit und die Dauer der Wahrnehmung, sie beschreibt das Objekt, als ob sie es zum ersten Mal sähe (als ob es nicht schon Formeln gäbe, es zu beschreiben). Der Zweck des Bildes ist es nicht, unserem Verständnis die Bedeutung, die es trägt, näherzubringen, sondern eine besondere Wahrnehmung des Gegenstandes zu schaffen.
FF119/1

"Willst du Kenntnisse erwerben, mußt du an der die Wirklichkeit verändernden Praxis teilnehmen. Willst du den Geschmack einer Birne kennenlernen, mußt du sie verändern, das heißt sie in deinem Mund zerkauen."
FF119/2

Die Gestaltpsychologie hat uns gelehrt, dass zu jedem Wahrnehmen nicht nur ein Nicht-Wahrnehmen gehört, sondern dass solcher Ausschluss, solche Selektivität für das Wahrnehmenkönnen konstitutiv ist. Neurophysiologische Untersuchungen haben diesen Zusammenhang inzwischen besser verständlich gemacht: Kognitive Systeme können generell nur, weil sie selbstreferentiell geschlossen sind, umweltoffen operieren. Wir sehen nicht, weil wir nicht blind sind, sondern wir sehen, weil wir für das meiste blind sind; entsprechend heisst, etwas sichtbar zu machen, im gleichen Akt etwas anderes unsichtbar zu machen. Keine aisthesis ohne anaisthesis - nicht einmal im einfachsten Wahrnehmen.

Die abendländische Bevorzugung
des Sehens ist ein klassischer Fall und besonders einschneidend wegen ihrer Fortsetzung im Ideal der Theorie, die ja eben jenes 'Betrachten' ist, das ganz und gar auf Distanz und Ueberschau setzt - im Unterschied etwa zum Betroffensein und Involviertsein des Hörens. Infolge dieses Distanz- und Ueberlegenheitspathos kann sich die Theorie dann ja auch fatal immun verhalten gegen das, was sie der Realität antut. Und das ist nicht wenig. Foucault hat in Surveiller et punir (1975) gezeigt, wie nötig eine Kritik am abendländischen Visualprimat und Panoptismus wäre. Denn wo das optische Weltverhältnis regiert, da gerät die Welt zu einer gigantischen Ueberwachungsanstalt vor dem grossen Auge des Geistes, und diese Gesetzlichkeit reicht von den Strafanstalten bis zu den Weltszenarien der Wissenschaft.
FF120

Eine unendliche Beziehung:
Sprache und Malerei verhalten sich zueinander irreduzibel: vergeblich spricht man aus, was man sieht: das, was man sieht, liegt nie in dem, was man sagt.
FF121


So ist meine Arbeitsstrategie mehr zu einem Wechselspiel von schichten, umschichten und umfalten, entfalten, auslegen geworden: Kein Entweder-oder. Ein Entwurf, oder präziser ein ständig neuer Faltenwurf.
FF 122

Konsequenzen für die ästhetischeTheorie:
- Schule der Wahrnehmung
- Lehre von Abrüstung
- Kunst des Umgangs mit Kunst
- Technik der Entbrutalisierung derTechnik
- Ästhetische Ökonomie
- Logik der Schonung
- Wissenschaft vom Unterlassen

Ästhetik hingegen wäre die Aufklärung menschlicher Bewegungen durch ein waches Dabeisein und Darinsein. Aufgeklärte Beweglichkeit zeigt sich darum weniger in der lauten Akklamation von Kunstwerken - Kunstbedarf ist eher ein Indiz von struktureller Barbarei - als in dem stillen Einbau von Aufmerksamkeit in Lebensformen.

(Mehr Erlebnisabläufe
weniger Bilder produzieren.)
FF123

Kultur ist alles, was wir der Wildnis entreissen und im landwirtschaftlichen, aber auch im übertragenen Sinn kultiviert, d.h. bebaut, gehegt und gepflegt haben.

Kultur ist immer auch eine Kritik an Kultur. Die Welt ist entdeckt, jeder Urwald parzelliert, und dennoch gibt es eine Wildnis, die sich für einige von uns erhalten hat: das Religiöse, Gott und die Götter. Sie entzogen sich der Kultivierung, sie bleiben fremd.

Kultur enthält für Adorno ein Element des Widerspruchs gegen die blinde Notwendigkeit: nämlich den Willen, sich selbst zu bestimmen durch Erkenntnis.
Heute sind wir nach Adorno einer Macht ausgesetzt, der Technik, die sich ins Ungemessene, dadurch ins Irrationale und also in einen Bereich hinauf entfaltet, der uns göttergleich bedroht und unterdrückt. Das Wort LORD ist durch das Wort FORD ersetzt.
Geschichte ist ein Prozess, so dass das Neue, das aus den Säften der Überlieferung sich nährt, dem Alten "authentisch" gegenübertreten kann; und zum andern haben wir, wie gesagt, den Willen und das Vermögen uns selbst zu bestimmen durch Erkentnis: Wir sind in der Lage das Neue, das sich in der Wirklichkeit anmeldet, wahrzunehmen und ins Bild zu setzen. Diese Wörter müssen wir wörtlich verstehen. Es geht um Warnehmen, es geht um Bilder, um Bildung, also um Kunst. Um die richtige Kunst, um die äusserste Kunst, denn nur das, was ausserhalb der Konformität mit den herrschenden gesellschaftlichen Interessen geschaffen wird, was sich der wirtschaftlichen Verfügung entzieht und "authentisch" gegen die Tradition steht, lässt Adorno gelten. Er ist ein radikaler Partisan derAvangarde. In einer Welt der Unwahrheit soll die Kunst eine künftige Wahrheit raunen. Formale Progressivität und daseinsverändernde Qualität werden in eins gesetzt. Diese Forderungen müssen und mussten scheitern und führen zu einer formalästhetischen und ideologischen Erstarrung und zu einer endlosen Repetition (z:B. der Erfindungen eines Duchamp...). Das «Endspiel» setzt ein Ende, und jedes Stück, das dieses Ende noch einmal thematisiert, springt nicht, wie es glaubt, über die äusserste Grenze hinaus, sondern fällt hinter Beckett, den es nachahmt, zurück. Was sich revolutionär gibt ist epigonal.


Was ist Kunst? Vielleicht die extremste Form des kulturellen Kampfes. Vielleicht müssen wir noch weiter gehen, über die Grenzen hinaus und die Behauptung aufstellen: Kunst ist der Zusammenstoss mit der Kultur, nämlich der riskante Versuch in die Wildnis zurückzukehren, in die Wildnis von Erfahrungen, in die Wildnis der eigenen Seele, jedenfalls ins Fremde , ins Ausgesonderte, an die Grenze des Universums und ins Innere der Dinge.
Vielleicht lebt die Kultur in und von diesem Widerspruch. Kultur kultiviert diese Welt, und die Kunst, in der sich eine Kultur am deutlichsten ausdrückt, zeigt auf dass die Wildnis lebt. Kultur gibt es nur im Plural. Und im Schlaf. Und die Kunst? Sie ist singulär, ist Wildnis, ist Traum.
FF124

Warum macht uns der Ozean oder das Meer seekrank? Ist nicht vielleicht Seekrankheit wie Schwindel (Kants Anthropologie bringt beide miteinander in Verbindung) eine Sehnsucht nach etwas, was uns krank macht? Wie Heimweh oder Liebeskummer könnte sie ein zutiefst ambivalentes Element enthalten: Das Meer macht uns vielleicht krank, weil Seekrankheit eine Art Heimweh ist, ein unmöglicher, enttäuschter oder unterdrückter Wunsch, dorthin zurückzukehren; Ferenczi nennt das den «thalassalen Regressionszug»: das Streben nach der in der Urzeit verlassenen «See-Existenz». Der Koitus, sagt Ferenczi, sei der Ersatz für den Wunsch zur Rückkehr in den Mutterleib und dieser wiederum ein Ersatz für das Ur-Meer, denn das Fruchtwasser verkörpert den in den Mutterleib introjizierten Ozean.
FF125

Ein Opernsänger trat in Parma auf, wo das Publikum sich in Sachen Oper wirklich auskennt. Nachdem er schlecht gesungen hatte, forderte das Publikum Zugabe um Zugabe, und er dachte:« Das ist ja merkwürdig, ich dachte, die verstehen was von Oper hier.» Schliesslich krächzte er:«ich kann nicht mehr singen!» Und eine Stimme aus den hinteren Plätzen rief: « Und Du wirst das singen, bis Du es kannst!»
FF126

Die Ethnologin Margaret Mead lernte schnell die Umgangssprache vieler Stämme, indem sie auf Objekte zeigte, und auf das entsprechende Geräusch wartete. Einmal besuchte sie einen Stamm, zeigte wieder auf verschiedene Objekte und hörte immer die gleichen Geräusche:«chu mulu». Eine primitive Sprache , dachte sie, sie haben nur ein Wort zur Verfügung. Später erfuhr sie, dass «chu mulu» «mit dem Finger zeigen» bedeutet.
FF127

Es ist interessant festzustellen, dass wir die unerklärlichen Dinge - d.h. die Dinge, die wir nicht begründen oder verstandesmässig nicht erfassen können, nicht sehen möchten.. In anderen Worten: Etwas, das wir nicht erklären können, kann nicht gesehen werden. Wir nehmen unseren blinden Fleck nicht wahr. Nein, wir können nicht sehen, dass wir einen blinden Fleck haben.
FF128

Ist die Frage nach dem Ursprung des Universums eine unentscheidbare Frage?
Sind Zahlen, mathematische Formeln, Theoreme, Beweise usw. Entdeckungen oder sind sie unsere Erfindungen?
Können wir wirklich nur die Fragen, die im Prinzip unentscheidbar sind, entscheiden?
Wie sind Fragen zu beantworten, die prinzipiell unentscheidbar sind?

Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind können wir entscheiden.
Warum? Einfach, weil über entscheidbare Fragen schon immer durch die Wahl des Rahmens, indem sie gestellt werden, entschieden wird. Der Rahmen selbst mag sogar eine Antwort auf die von uns gestellte prinzipell unentscheidbare Frage sein. Diese Beobachtung verdeutlicht den Unterschied zwischen diesen zwei Arten von Fragen. Antworten auf entscheidbare Fragen sind auf Notwendigkeiten diktiert, während Antworten auf unentscheidbare Fragen durch die Freiheit unserer Wahl bestimmt werden. Aber für diese Freiheit der Wahl müssen wir die Verantwortung tragen. Dies verdeutlicht zusätzlich den Unterschied zwischen diesen Fragen: Verfahrensweisen, durch die man eine Antwort auf Fragen entscheidbare erhält, mögen falsch sein, deshalb taucht in diesem Zusammenhang die Vorstellung von Wahrheit auf. Ethik ist jedoch der Bereich, in dem wir Verantwortung für unsere Entscheidungen übernehmen. Das Antonym für Notwendigkeit ist nicht Zufall, es ist vielmehr Freiheit, es ist Wahl.
FF129

Und es geht doch immer um den Körper - um den Körper und seine Kräfte, um deren Nützlichkeit und Gelehrigkeit, um deren Anordnung und Unterwerfung.

Aber der Körper steht auch unmittelbar im Felde des Politischen; die Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn; sie umkleiden ihn, markieren ihn, dressieren ihn, martern ihn, zwingen ihn zu Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen.
ev.ff S.37/38
FF130

Beweisführung
Die wahren, unmittelbaren oder legitimen Beweise
Die mittelbaren, mutmasslichen, künstlichen Beweise
Die offensichtlichen Beweise
Die beachtenswertern Beweise
Die unvollkommenen oder unbedeutenden Beweise
Die «vollen» Beweise (die dringlichen oder notwendigenBeweise)
Die «halbvollen» Beweise
Die «Hilfsbeweise » (öffentliche Gerüchte, Flucht des Verdächtigen, Verwirrung des Angeklagten bein Verhör)
FF131

Ich halte das Rohmaterial der inneren Bilder und den Erfahrungsschatz, den wir alle in uns tragen, für extrem wichtig in meiner Arbeit. Solche Bilder oder Stimmungen sind reichhaltiger als ein abstrakter Gedanke. Ein Bild umfasst Dinge, von denen ich im Moment der Eingebung nicht einmal weiss, was sie bedeuten. Ich versuche dann herauszufinden, warum mir ein solches Bild bei einer bestimmten Bauaufgabe in den Sinn kommt. Denken in Bildern ist nicht das Gegenteil von abstraktem Denken. Auch bei einem abstrakten Gedanken hat man räumliche Vorstellungen. Deswegen erkläre ich auch jungen Architekten immer wieder, dass die Form eigentlich erst am Schluss kommt. Grundriss, Aufriss ect. sind wie Partituren in der Musik. Man muss sie aufführen, und dann erst hört oder sieht man sie. Zeichnen als Abbild, das gibt es bei mir nicht. Zeichnen ist eine Sucharbeit, ein Hilfsmittel für das Denken.
FF132

Etwas wirklich Wertvolles kann man oft nur durch scheinbar sinnloses Tun erreichen.
FF133

FF134


Die Kurzvorbereitung

1. Was ist meine Hauptbotschaft?
2. Was sind meine wichtigsten Argumente?
3. Welche Beispiele kann ich bringen?
4. Was für Gefühle habe ich eigentlich bei der ganzen Sache?

Wer sich auf diese Weise vorbereitet, kann die Drei-Minuten-Rede zu einem wichtigen Instrument machen, das der eigenen Karriere förderlich sein kann.
FF135

Spielregeln für «Persöliches Resource Management»

1. Ungeschriebene Gesetze Ihres Arbeitsumfeldes kennenlernen.
2. Lösungen statt Probleme.
3. Beziehungsnetz aufbauen.
4. Investition in Marktfähigkeit
5. Selbstmotivation.
6. Inhalte statt Hülsen.
7. Stolpern fördert.
(Leisten sie sich ab und zu einen Fehler)
7. Erwartungen formulieren.
8. Kreative Tapetenwechsel.
9. Ausgeglichenes Privatleben und Freizeit
10. Das Rezept sind Sie.
FF136

Zitiere leise für dich ein Gedicht in der Generalversammlung einer Aktiengesellschaft, und dieses wird augenblicklich ebenso sinnlos werden, wie es das Gedicht in ihr ist.
FF137

Vor vielen Jahren habe ich ein Mädchen verloren, und es hört nicht auf, dass ich sie verliere.

(Vor vielen Jahren habe ich einen Buben verloren, und es hört nicht auf, dass ich ihn verliere.)
FF138

Verglichen mit der Klarheit, die eine mündliche Überlieferung bietet, hat das Zeugnis alter Bücher zum Thema "Frühe Religionen" nur einen geringen Wert. Denn das Schrifttum beschleunigt den gedanklichen Fortschritt in einem Mass, das die langsame Entwicklung der Überzeugungen durch das gesprochene Wort unendlich weit hinter sich lässt. Zwei oder drei Generationen Schrifttum können das Denken stärker verändern als zwei- oder dreitausendjähriges Leben in mündlicher Überlieferung. Aber das Schrifttum ist, wie wir heute wissen verglichen mit Presse, Radio, Film, (Internet) ein relativ konservatives, den Zeitfluss bindendes Medium. Und so taucht heute die Frage auf: Wie viele tausend Jahre Wandel können wir uns alle zehn Jahre erlauben?
FF139

Endlich komm ich von mir weg in den Zwitscherraum.
FF140

SICH SICH SEHEN SEHEND
FF141

Der Betrachter moderner Werke lernt, dass Bilder nicht verschwinden, sondern dass sie sich auf völlig gewandelte Weise bezeugen. Sie wechseln ihr matetielles Kleid, gewiss auch ihren Gehalt und dennoch sind sie weiterhin Bilder, deren jeweilige ikonische Differenz zu sehen und zu denken gibt. So betrachtet ist das gewaltige Transformationsgeschehen in der Kunst unseres Jahrhunderts durchaus auf das Stichwort einer gewandelten Ikonizität hin zu diskutieren. Der retrospektive Blick auf die Zeit der Antike, auf prähistorische Artefakte, auf Volkskulturen, auf den Bereich der sogenannten angewandten Kunst, ebenso sehr der Blick auf aussereuropäische Stammeskunst bzw. auf die bildnerische Hinterlassenschaft ferner Kulturen verdeutlichen, dass unser - oft unausgesprochenes - Vorurteil, das Bild als Modell des«Gemäldes» oder des Tafelbildes zu messen, in die Enge führt und revisionsbedürftig ist....
Denn tatsächlich sind viele Bedingungen des Bildes weiterhin im Spiel: Anschaulichkeit, Begrenzung (wie prekär auch immer), Ökonomie der Mittel, Totalität u.a. Es geht weiterhin darum, im ausgesteckten Feld der Materie einen Überschuss an Sinn zu erzeugen.
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Der Unterhaltungsvirus hat seinen Ursprung in den USA. Es liegt etwas zutiefst Amerikanisches in dem Bestreben, die spirituellen und mentalen Mängel unseres Lebens mit Unterhaltung zu füllen. Nun hat sich das amerikanische Virus um den Globus verbreitet.
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(Gibt es also keine gesellig-unterhaltsame Kunst?)
Man will vor einem grossen Bild stehen und sich klein fühlen. In der Kunst findet ein verlässliches Mass an Repression statt.
Leider kann man heute nichts mehr machen, was nicht kunstverdächtig ist: Marcel, ich möchte mein Pissoir wiederhaben.
Wo ist der Ort der Kunst? Was bedeutet Kunst überhaupt?
Gegen das Zuviel an (Kunst-) Dingen in unserer Überflussgesellschaft. Für ein Agieren als Katalysator von Denk- und Kommunikationsprozessen im Betrachter.
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Wir arbeiten in der Dunkelheit - wir tun, was wir können -, wir geben, was wir haben. Unser Zweifel ist unsere Leidenschaft, und unsere Leidenschaft ist unsere Aufgabe. Der Rest ist der Wahnsinn der Kunst.
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Regel
1 Zeit ist Geld
2 Das Gesetz von Angebot und Nachfrage regelt die Länge der Schlange
3 Wir schätzen das, worauf wir warten
4 Der Status bestimmt, wer wartet
5 Je länger die Menschen auf dich warten,
desto höher ist dein Status
6 Geld verschafft einen Platz vorne in der Schlange
7 Der Mächtige kontrolliert, wer wartet
8 Warten kann ein wirksames Kontrollinstrument sein
9 Wenn man sich in eine Schlange drängelt, sollte man es hinten tun
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1 Ist Schöpfung Sublimation?
2 Befriedigt, erquickt das Werk die Leute?
3 Wird ihr eigenes Begehren, zu schauen,
befriedigt?
4 Erhebt dies die Seele, d.h. ermutigt dies
ihrerseits zur Entsagung?
5 Ist das Blickzähmung? Oder Augentäuschung?
6 Was verführt, was befriedigt uns an der
Augentäuschung?
7 Rivalisiert das Bild mit dem Schein, oder mit dem , was uns Platon jenseits des Scheins uns als Idee vorstellt?
8 Stellt der Maler die Quelle für etwas dar, das ins Reale zu gelangen vermag?
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Mich ergötzt und zersetzt vor Freude das in mir ruhende musikalische Mysterium, das Reflexe in melodischen Wogen auswirft, das mich zerfasert und meine Substanz auf reinen Rhythmus reduziert.
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Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgriff, dessen Absicht es ist, uns die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu lassen. Von«Natur» aus ist der Mensch ein einames Tier, denn er weiss, dass er sterben wird und dass in der Stunde des Todes keine wie immer geartete Gemeinschaft gilt: Jeder muss für sich allein sterben. Und potentiell ist jede Stunde die Stunde des Todes. selbstredend kann man mit so einem Wissen um die grundlegende Einsamkeit und Sinnlosigkeit nicht leben. Die menschliche Kommunikation webt einen Schleier der kodifizierten Welt, einen Schleier aus Kunst und Wissenschaft, Philosophie und Religion um uns und webt ihn immer dichter, damit wir unsere Einsamkeit und unserern Tod und den Tod derer , die wir lieben, vergessen. Kurz, der Mensch kommuniziert mit anderen, ist ein «politisches Tier», nicht weil er ein geselliges Tier ist, sondern weil er ein einsames Tier ist, welches unfähig ist, in Einsamkeit zu leben.
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Konzept der Indeterminiertheit nach Jean Piaget:
Es geht um die Anerkennung des Spontancharakters der geistigen Kulturentwicklung. Das was ein Individuum wird, ist weder primär von seiner Umwelt noch vom Ensemble seiner Erbeigenschaften allein abhängig, sondern von seiner Aktivität, seiner Eigenbewegung, die über weite Strecken eigenen Regeln folgt.
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Ein alter Posthalter von 70 Jahren Alter kam einst mit zwei Schimmel aus Russland gefahren.
Die Schimmel, die Schimmel die waren so keck und warfen den alten Posthalter in Dreck.
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Der menschliche Körper soll zu achzig Prozent aus Wasser bestehen, es ist daher auch kaum verwunderlich, dass sich jeden Morgen ein anderes Gesicht im Spiegel zeigt. Die Haut an Stirn und Wangen verändert sich von Augenblick zu Augenblick wie der Schlamm in einem Schumpf, je nach der Bewegung des Wassers, das unter ihm fliesst, und der Bewegung der Menschen, die auf ihm ihre Fussspuren hinterlassen.
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Auch dieses Kinn, das du manchmal im Spiegel siehst,
Wird man irgendwann finden, den Kiefer dazu,
Unter anderen Knochen. Heute noch unrasiert.
Wird es morgen abstrakt sein, ein weisser Bügel,
Rein wie ein Notenschlüssel aus Draht.
FF153

Ich spreche von einer fatalen Kluft. Ich glaube nämlich, dass der Berührungsverlust und die Kälte (natur-)wissenschaftlichen Wissens eng verbunden sind mit einer ganz bestimmten Haltung, mit einer chronischen Ueberangestrengstheit, die diese Erkenntniskultur ihren Vertretern aufnötigt.
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In Heinz von Foersters Büchlein «KybernEthik» findet sich die Geschichte des Kater Murr von E.T.H. Hoffann. Der Kater schreibt seine Biografie auf geklaute Blätter seines Meisters Abraham. Beim Druck der Biografie stellt sich nun heraus, dass z.T. die Rückseiten mit physikalischen Problemen des Meisters belegt sind. Der Drucker bemerkte dies aber zu spät, und so vermischen sich die Lebensgeschichte des Katers, mit Problemen der Physik und der Welt der Unterhaltung, die den Meister beschäftigen: Notizen zur Konstruktion von Springbrunnen, Wasserspiele und weitere Automaten.
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Das Bildchen «jetzt» kommt niemals wieder.
FF156

Liebe und Krieg (Gimme Shelter)
Lust und Mord (Midnight Rambler)
Sex und Drogen ( Brown Sugar)
Freude und Verzweiflung ( Paint it Black)
Schuld und Sühne ( Saint of Me)
Spiel und Leidenschaft ( TumblinDice)
Besinnung und Niedertracht ( Sympathy for the Devil)
Sucht und Ruhm ( Before They Make Me Run)
Mann und Frau in allen Varianten und Positionen ( Some Girls, Bitch, Ruby Tuesday, Honlky Tonk Women)
FF157

Wahrnehmung lässt sich am liebsten auf bekannte Muster ein, d.h. beim Hören eines Dur-Akkordes oder 4/4-Taktes stellt sich ein Erkennen im muttersprachlichen Sinn ein. In der klassischen Musik kennen wir die übliche Sonatenhauptsatzform. Helmut Lachenmann nennt dies in einem kritisch-ironischen Sinn «Geborgenheitsästhetik», eine Kategorie von Kunst, die durch Konvention verführt.
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Ich ertrage die Unzerrissenen nicht, niemand der nicht raues Wetter durchlitten hat, zusammengebrochen, in Stücke gerissen worden ist, sich selber wieder zusammengeflickt hat, mit breiter Naht, gezackten Stichen, nichts Hübsches. Dann strahlt etwas aus. Doch die hier glänzen nur von aussen, die Arschgeigen. Ich bin ehrlich, ich mag sie nicht.
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Ein Mensch ist in einem Zimmer g e f a n g e n , wenn die Tür versperrt ist, sich nach innen öffnet; er aber nicht auf die Idee kommt zu z i e h e n, statt gegen sie zu drücken.
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Was ich Poesie nenne wird oft Inhalt genannt. Ich selbst habe es Form genannt. es ist die Kontinuität eines (Musik)Stückes. Kontinuität heute, wo sie notwendig ist, ist eine Demonstration des Desinteresses.

Die meisten reden sind voll von Ideen. Diese hier braucht keine zu haben. Aber jeden Augenblick kann eine Idee daherkommen. Dann können wir uns darüber freuen.

Struktur ohne Leben ist tot. Aber Leben ohne Struktur ist nicht wahrzunehmen.
Pures Leben drückt sich in und durch Struktur aus.
Deutlich fangen wir an nirgendwo hinzugelangen.
Aber eins ist sicher. Wenn man etwas macht, was nichts zu sein hat, muss, wer es macht, das Material das er wählt, lieben und Geduld damit haben.
Sonst macht er aufmerksam aufs Material, das etwas Bestimmtes ist, wähernd es nichts war, das gemacht werden sollte; oder er macht aufmerksam auf sich, während nichts anonym ist.

Die Technik Material zu behandeln ist, auf Sinnesebene, was Struktur als Disziplin auf rationaler Ebene ist.

Ich erinnere mich Klang geliebt zu haben bevor ich je eine Musikstunde nahm. Und so bestimmen wir unser Leben durch das, was wir lieben.

Ich weiss eine Geschichte:
«Es war einmal ein Mann der stand auf einer Anhöhe. Eine Gruppe von Männern, die gerade die Strasse entlangkamen, bemerkten von weitem den Mann, der auf der Anhöhe stand, und sprachen miteinander über diesen Mann. Einer von ihnen sagte: er muss sein liebstes Tier verloren haben. Ein anderer sagte: Nein, es muss sein Freund sein, nach dem er Ausschau hält. Ein dritter sagte: Er geniesst nur die kühle Luft dort oben. Die drei konnten sich nicht einigen und die Diskussion (wollen wir nacher eine abhalten) ging weiter bis sie die Anhöhe erreichten, wo der Mann stand. Einer von den dreien fragte: O Freund da oben, hast du nicht dein LIeblingstier verloren? Nein Herr, ich habe keins verloren. Der zweite Mann fragte: Hast du nicht deinen Freund verloren? Nein Herr, ich habe auch meinen Kopf nicht verloren. Der dritte Mann fragte: Geniesst du nicht die frische Brise da oben? Nein Herr, das nicht. Was also stehst du da oben, wenn du nichts sagst auf all unsre Fragen? Der Mann oben sagte:«Ich stehe hier nur.»
Eine Methode ist eine Kontrolle...Eine Struktur ist wie eine Brücke von nirgendwo nach nirgendwo und jeder kann auf ihr gehen, Geräusche oder Töne, Mais oder Weizen...

Möchten Sie gerne einer Gesellschaft beitreten die sich Kapitalisten AG nennt?

Ein jeder hat ein Lied
das gar kein Lied ist:
Es ist ein Vorgang
des Singens,
wenn du singst
bist du
wo du bist.

Alles was ich über die Methode weiss ist dies, dass ich manchmal, wenn ich nicht arbeite, denke, ich wüsste etwas, aber wenn ich arbeite, ist es ganz klar, dass ich nichts weiss.
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Dies ist ein Vortrag über etwas und natürlich auch ein Vortrag über nichts. Darüber, wie etwas und nichts einander nicht entgegengesetzt sind, sondern einander brauchen um in Gang zu bleiben.

Wenn Kunst von innen kommt, was sie so lange tat, wurde sie ein Ding das den Mann der es schuf zu erheben schien über jene die es beachteten oder hörten; und der Künstler wurde als Genie betrachtet oder bewertet: Erster, Zweiter, Nicht gut, bis schliesslich zur Fahrt im Bus in der U-Bahn: so signiert er stolz sein Werk wie ein Fabrikant.
Aber da sich alles verändert geht die Kunst jetzt nach innen und es ist höchst wichtig kein Ding zu erzeugen sondern im Gegenteil nichts. Und wie tut man das? Man macht etwas das dann nach innen geht und uns an nichts erinnert. Es ist wichtig, dass dieses Etwas bloss etwas ist, begrenzt etwas; dann geht es sehr einfach nach innen und wird unbegrenzt nichts.

«Die höchste Verantwortung des Künstlers ist es, Schönheit zu verbergen.» Die wichtige Frage ist: Was ist es, das nicht einfach schön ist sondern auch hässlich, nicht bloss gut sondern auch böse, nicht bloss wahr sondern auch Illusion. Mir fällt jetzt ein, dass Feldmann von Schatten sprach. Er sagte dass die Klänge nicht Klänge sondern Schatten seien. Es sind offensichtlich Klänge; deshalb sind sie Schatten. Jedes Etwas ist ein Echo von nichts.

...denn wir haben festgestellt dass wir durch Ausschluss innen dünn werden, auch wenn wir vielleicht aussen ein enormes Bankkonto haben. Für Erwas braucht man Kritiker, Kenner, Urteile von Autoritäten, andernfalls wird man beschwindelt; aber für nichts kann man all diesen Schnickschnack entbehren, niemand verliert nichts denn nichts hat man in sichrem Besitz. Wenn man nichts in sicherem Besitz hat, ist man frei jedes Etwas zu akzeptieren.

Aber wenn einer den sichern Besitz von nichts beibehält, dann gibt es keine Grenze für das, was er uneingeschränkt geniessen kann. In diesem uneingeschränkten Genuss gibt es keinen Besitz von Dingen. Es gibt nur Genuss. Was man besitzt ist nichts. Ist man im Zustand des Nichts, hat man das Etwas in einem verhindert: Charakter.

Manchmal sagen die Leute ängstlich: Ich verstehe nichts von Musik aber ich weiss, was ich mag. Doch die wichtigsten Fragen werden nicht nur durch das Mögen sondern das Nicht-mögen und Akzeptieren sowohl dessen was man mag wie nicht mag, beantwortet. Andernfalls gibt es keinen Zugang zur dunkeln Nacht der Seele.

Kein einziger Klang fürchtet die Stille die ihn auslöscht. Und es gibt keine Stille die nicht mit Klang geladen ist.

Wenn du es lässt trägt es sich selbst. Du brauchst nicht. Jedes Etwas ist eine Feier des Nichts das es trägt. Wenn wir die Welt von unseren Schultern nehmen bemerken wir dass sie nicht fällt. Wo liegt die Verantwortung?

«Erde» (das ist jedes Etwas) «entgeht nicht dem Himmel:»(das ist nichts) «ob sie aufwärts fliegt oder abwärts fliegt, der Himmel dringt dennoch in sie ein, füllt sie mit Kraft, macht sie fruchtbar. ,, Sei es zu ihrem Wohl oder zu ihrem Weh.» Meister Eckhart.
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Musik (Kunst) ist eine Uebervereifachung der Situation in der wir uns tatsächlich befinden.

Ich habe bemerkt dass Musik für mich dann am lebendigsten ist, wenn mich das Zuhören zum Beispiel vom Sehen nicht ablenkt. Man sollte Musik sehr natürlich auffassen.
Keine Technik.

Die Präparierung der Klaviere wird auch vom Zufall bestimmt.
Die verschiedenen Materialien die es gibt werden in den folgenden Kategorien untergebracht:
P bedeutet Plastik, Knochen, Glas ect.,
M bedeutet Metall
S bedeutet Stoff, Fasern, Gummi,
H bedeutet Holz, Papier
X bedeutet andres Material, besondere
Umstände, freie Wahlmöglichkeit usw.

Form ist nicht zweimal das gleiche..

Vor Jahren fragte ich mich «Warum schreibe ich Musik?»
Ein indischer Musiker sagte mir, die traditionelle Antwort in Indien sei «Um den Sinn nüchtern, und dadurch für göttliche Einflüsse empfänglich zu machen.»

Was ich denke und was ich fühle, kann meine Inspiration sein, doch es ist dann auch mein Paar Scheuklappen. Um zu sehn, muss man über die Vorstellung hinausgehn, und dazu muss man absolut stillstehen wie im Mittelpunkt eines Sprunges.

Kommunikation, falls erforderlich, ist eine Art des Aufmerksam-machens auf die eigene Psychologie. Zugelassen, findet sie von selbst statt und ist letzten Endes unvermeidlich.

Es gibt nicht so etwas wie Stille. Etwas geschiet immer, das einen Klang erzeugt.
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Zitat ist etwas, was ich schon immer hasste. Es ist eher ein Anti-Zitat, es zitiert nichts, es ist einfach da. Jeder Stein steht für sich selbst und ist gleichzeitig nur Funktion.
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In Wissenschaft und Krieg gibt es Regeln für die Behandlung von Menschen; nicht so aber in der Kunst.
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Was heute aus dem Gedächtniskult verschwunden ist, bezeichnet das entscheidende Problem: Die Unvermeidlichkeit der Auszehrung eines Erinnerungsvermögen, das nicht Bewahrung will, sondern Ueberwindung, nicht Konstanz, sondern Bruch, nicht Konservierung, sondern Zerstörung. Erinnerung beruht nämlich entschieden auf Zerstörung und bewirkt diese unentwegt.

Wer zuviel abrufen kann und soll, vermag sich nicht mehr zu orientieren.

Alles zu erinnern bedeutet, nichts mehr zu überblicken.

Gedächtnis ist weiterhin das bloss Auswendige, das Speicherbare, ein Mechanisches: die Welt der Archive und Datenordnungen. Erinnern dagegen ist das Inwendige, ein Lebendiges. Gedächtnis und Erinnerung fallen prinzipiell nicht zusammen.

Wesentliche Tätigkeit des Erinnerns ist nicht die Gedächtnisbildung, die dem Training der Mnemotechniken entspringt, sondern das vom Schriftsteller Marcel Proust unvergleichlich geschilderte unwillentliche Erinnern, die«mémoire involontaire». Die Wege einer assoziativen Entwicklung und Verknüpfung des Erinnerns sind subjektiv und an eine integrale Erfahrungswelt der einzelnen Persönlichkeit gebunden.
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Die Erfahrung der Rückkehr zu dem, was wir ursprünglich sind, heisst « den Käfig der Vögel betreten, ohne sie zum Singen zu bringen».

Ich bin für die Vögel nicht für die Käfige (cages).
FF167

Unmöglich einzugrenzen, ob das Licht die Dunkelheit erzeugt oder umgekehrt.
FF168

«Was ist ihre erste Erinnerung?» wurde sie mitunter befragt. Und dann antwortete sie:
«Daran kann ich mich nicht erinnern.»
FF169

Für die religiösen Bedürfnisse scheint mir die Ableitung von der infantilen Hilflosigkeit und der durch sie geweckte Vatersehnsucht unabweisbar...Ein ähnlich starkes Bedürfnis aus der Kindheit wie das nach dem Vaterschutz wüsste ich nicht anzugeben.
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Freud verdanken wir die weitestgehenden Einsichten in die Funktionsweise der Herrschaft. Gemäss seiner Auffassung des Naturzustandes erkannte Freud die Ursprünge der Kultur im primären Kampf zwischen Vater und Sohn. Die Söhne, die die Autorität des Vaters stürzen, fürchten schliesslich ihre eigene Aggression und Gesetzlosigkeit und bereuen den Verlust der herrlichen Macht des Vaters; und so richten sie Gesetz und Autorität im Vaterbild wieder auf.
FF171/1


Ödipus floh aus seiner Heimatstadt Korinth, um sich dem Spruch des Delphischen Orakels zu entziehen, der prophezeit hatte, er werde seinen Vater erschlagen und mit seiner Mutter Inzest begehen. Was Ödipus nicht wusste, war, dass der Mann, den er auf der Flucht erschlug, sein leiblicher Vater war, der ihn als Kind ausgesetzt hatte, um sich der nämlichen Prophezeiung zu entziehen. Als Ödipus die Wahrheit erfährt, dass er seinen Vater ermordet und seine Mutter geheiratet hat, sticht er sich die Augen aus und verbannt sich aus der menschlichen Gemeinschaft.

Das Bild des gefährlichen Vaters taucht auch in Freuds Mythos der Urhorde wieder auf. Am Anfang der menschlichen Geschichte stellt sich Freud eine Urhorde vor, regiert von einem gefürchteten Patriarchen, gegen den die Söhne aufstehen und den sie ermorden. Aus Reue schaffen sich die Söhne ein Ideal der Güte, denn sie fürchten eine Wiederkehr der Aggressivität des Vaters und ihrer eigenen Mordgelüste.
Das Ideal des guten Vaters (und seines Gesetzes) wird also - durch einen psychischen Akt der Verinnerlichung